Wirkung und Rezeption
Wenige Hauptwerke der Soziologie haben einen so eigentümlichen Weg genommen wie dieses: 1939 fast unbeachtet in einem winzigen Schweizer Exilverlag erschienen, fast vier Jahrzehnte lang vergessen, dann seit 1969/1976 zu einem der meistzitierten und meistdiskutierten Bücher der Geistes- und Sozialwissenschaften aufgestiegen – begleitet von einer der erbittertsten Gelehrtenfehden des späten 20. Jahrhunderts.
1. Ein Buch und sein langes Schweigen (1939–1976)
Norbert Elias schrieb Über den Prozeß der Zivilisation in den 1930er Jahren im Exil, größtenteils in London, wohin er nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten geflohen war. Das zweibändige Werk erschien 1939 im Verlag Haus zum Falken in Basel – finanziert mit Hilfe eines Komitees zur Unterstützung jüdischer Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland. Der Zeitpunkt hätte ungünstiger nicht sein können: Europa stand am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, der deutschsprachige Buchmarkt war für einen emigrierten jüdischen Autor verschlossen, und der Verlag war international ohne Gewicht. Die Auflage verkaufte sich kaum; ein großer Teil der Exemplare blieb liegen.
So kam es zu einer bemerkenswerten Verzögerung: Zwischen der Erstveröffentlichung 1939 und der breiten wissenschaftlichen Wahrnehmung lagen rund 37 Jahre. Erst die zweite, um eine ausführliche Einleitung vermehrte Auflage (Francke, Bern/München 1969) und vor allem die preisgünstige Taschenbuchausgabe bei Suhrkamp (stw 158/159, 1976) machten den Text einem großen Publikum zugänglich. Von da an verlief die Rezeptionskurve steil nach oben.
2. Elias’ Weg: Exil und später Ruhm
Norbert Elias wurde 1897 in Breslau als Sohn einer jüdischen Fabrikantenfamilie geboren. Er studierte Medizin und Philosophie, promovierte und arbeitete als Assistent des Soziologen Karl Mannheim in Frankfurt. 1933 floh er über Paris nach England. Seine Eltern blieben in Breslau: Der Vater starb dort 1940, die Mutter wurde 1941 nach Auschwitz deportiert und ermordet – das Werk trägt die Widmung »Dem Andenken meiner Eltern«. Diese biografische Erfahrung des Zivilisationsbruchs grundiert sein Lebensthema, auch wenn das Buch selbst nüchtern-analytisch bleibt.
In England blieb Elias lange ein Außenseiter ohne feste Stelle; erst 1954, mit 57 Jahren, erhielt er eine Dozentur an der Universität Leicester. Später lehrte er in Ghana, dann lebte er in Amsterdam und Bielefeld. Der große Ruhm kam erst im hohen Alter: In den 1970er und 1980er Jahren wurde Elias zur internationalen Leitfigur einer historisch und prozessual denkenden Soziologie. Er starb 1990 mit 93 Jahren in Amsterdam.
3. Wiederentdeckung und Figurationssoziologie
Mit der Wiederentdeckung wurde Elias zum Begründer der sogenannten Figurationssoziologie (auch Prozesssoziologie). Ihr Kern ist der in der Einleitung entfaltete Gedanke: Menschen sind nicht voneinander abgeschlossene Einzelwesen (»homo clausus«), sondern stehen in beweglichen Verflechtungsgefügen (»Figurationen«) wechselseitiger Abhängigkeit. Soziale Prozesse haben deshalb eine Eigendynamik, die sich aus dem Ineinandergreifen vieler Pläne ergibt, ohne von irgendjemandem geplant zu sein.
Diese Denkfigur fand in zahlreichen Disziplinen Anschluss: in der historischen Soziologie, der Mentalitätsgeschichte (Nachbarschaft zur französischen Annales-Schule), der Sport- und Körpersoziologie, der Gewaltforschung und der Emotionsgeschichte. Eine internationale Forschungsgemeinschaft (mit Zentren in Amsterdam, Leicester und Bielefeld) pflegt und entwickelt den Ansatz; die von Peter Gleichmann, Johan Goudsblom und Hermann Korte herausgegebenen Materialienbände (stw 233 und stw 418) dokumentieren die frühe Debatte.
4. Preise, Verbreitung, Stellung im Werk
Mit dem späten Ruhm kamen die Ehrungen. Elias erhielt unter anderem 1977 als erster Träger den Theodor-W.-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt; später folgten weitere internationale Auszeichnungen. Sein Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt; die englische Ausgabe (The Civilizing Process) trug die Theorie in die angloamerikanische Soziologie. Innerhalb der heute maßgeblichen Gesammelten Schriften (Suhrkamp) bilden die beiden Bände den Band 3.1 und 3.2.
Im Gesamtwerk steht Über den Prozeß der Zivilisation im Zentrum eines Netzes verwandter Studien: Die höfische Gesellschaft (Habilitationsschrift, die das höfische Milieu detailliert ausleuchtet), Studien über die Deutschen (in denen Elias den Nationalsozialismus als »Entzivilisierungsschub« analysiert), Über die Einsamkeit der Sterbenden und Die Gesellschaft der Individuen. Diese Werke konkretisieren und korrigieren das Modell, halten aber an seinem Kern fest.
| Station | Bedeutung |
|---|---|
| 1939, Basel (Haus zum Falken) | Erstausgabe, fast unbeachtet |
| 1969, Bern/München (Francke) | 2. Aufl. mit neuer Einleitung & Schlusskapitel |
| 1976, Frankfurt (Suhrkamp stw 158/159) | Taschenbuch – der Durchbruch |
| 1977 | Theodor-W.-Adorno-Preis (erster Träger) |
| 1997 | Gesammelte Schriften, Bd. 3.1/3.2 |
5. Die Duerr-Kontroverse: »Der Mythos vom Zivilisationsprozeß«
Die berühmteste Auseinandersetzung um Elias ist die Elias-Duerr-Kontroverse. Der Ethnologe Hans Peter Duerr unternahm es, Elias auf über 3500 Seiten empirisch zu widerlegen: In fünf Bänden unter dem Titel Der Mythos vom Zivilisationsprozeß (Suhrkamp, 1988–2002) trug er anthropologisches und historisches Material zu Nacktheit, Scham, Intimität, Obszönität und Gewalt zusammen. Seine These: Auch das Mittelalter und auch »Naturvölker« kannten starke Scham- und Peinlichkeitsschwellen; Elias habe seine Quellen zu positivistisch gelesen und unterstelle indigenen Kulturen zu Unrecht ein Defizit an Selbstkontrolle.
Die Forschung hat Duerrs Kritik überwiegend zurückgewiesen. Eingewandt wurde, Duerr verkenne den Kern von Elias’ Argument: Elias behaupte gar nicht, frühere Gesellschaften hätten keine Selbstkontrolle gekannt; was sich wandle, sei das Maß, die Form und die soziale Verankerung der Selbstzwänge, nicht ihr bloßes Vorhandensein. Indem Duerr Scham aus dem Geflecht wachsender Interdependenz herauslöse, falle gerade das Bewegende der Theorie weg; seine Fülle unstrukturierter Einzelbelege ersetze die Erklärung nicht. Die Kontroverse wurde selbst zum Gegenstand wissenschaftssoziologischer Untersuchungen (etwa Michael Hinz, Der Zivilisationsprozeß: Mythos oder Realität?, 2002).
6. Internationale Resonanz und Anschlussforschung
Mit der englischen Übersetzung als The Civilizing Process wurde Elias’ Theorie zu einem Bezugspunkt weit über den deutschen Sprachraum hinaus. Besonders fruchtbar wurde sie dort, wo Soziologie und Geschichte einander begegnen. In der Gewaltforschung dient Elias’ Modell als theoretischer Rahmen für die vieldiskutierte These eines langfristigen Rückgangs der interpersonellen Gewalt in Europa – ein Zusammenhang, den etwa Kriminalhistoriker anhand sinkender Tötungsraten seit dem Spätmittelalter untersucht haben und den auch populärwissenschaftliche Darstellungen aufgegriffen haben. Elias liefert hier die Erklärung, die bloße Statistik nicht geben kann: den Zusammenhang von Gewaltmonopol, befriedeten Räumen und verinnerlichter Affektkontrolle.
Eine zweite, glänzende Anwendung fand das Modell in der Sport- und Körpersoziologie. Gemeinsam mit seinem Schüler Eric Dunning entwickelte Elias eine Soziologie des Sports, die moderne Wettkämpfe als kontrollierte, regelgebundene Kanäle für Erregung und Aggression deutet – als »Suche nach Erregung« (quest for excitement) in einer ansonsten affektgedämpften Gesellschaft. Damit wurde das Zivilisationsmodell empirisch produktiv: Es erklärt nicht nur, was verschwindet (offene Gewalt), sondern auch, was an seine Stelle tritt (ritualisierte, zuschauerbezogene Spannungsformen).
In der Geschichtswissenschaft steht Elias in Nähe zur französischen Annales-Schule und zur Mentalitätsgeschichte; in der Soziologie inspirierte er die historische und die relationale Soziologie. Die von Gleichmann, Goudsblom und Korte betreuten Materialienbände, die niederländische Forschungstradition um Goudsblom sowie jüngere Arbeiten (etwa von Marta Bucholc oder Teresa Koloma Beck) zeigen, dass die Figurationssoziologie heute eine lebendige, internationale Forschungsrichtung ist und nicht bloß ein historisches Denkmal.
7. Kritik, Aktualität und Fazit
Neben Duerr formulierte die Fachdiskussion weitere Einwände: Elias’ Quellenbasis (vor allem Manierenbücher der Oberschichten) sei sozial einseitig; die Reichweite des westeuropäischen Modells sei begrenzt; die Nähe zur Freudschen Triebtheorie sei voraussetzungsreich; und die Gefahr eines unterschwelligen Fortschrittsoptimismus liege nahe. Elias selbst hat dem teils vorgebaut: Er betont, der Prozeß sei gerichtet, aber nicht unumkehrbar, und spricht ausdrücklich von »Entzivilisierungsschüben« – den Nationalsozialismus hat er als solchen analysiert.
Gerade diese Offenheit macht das Buch aktuell. In Debatten über Gewalt und ihren langfristigen Rückgang, über Affektkontrolle in digitalen Öffentlichkeiten, über Scham, Ekel und Körperpolitik wird Elias bis heute herangezogen. Neuere Lektüren (etwa von Teresa Koloma Beck oder Marta Bucholc) betonen, dass es sich lohnt, über den »Mythos«-Streit hinaus das theoretische Programm neu zu lesen: als eine relationale, prozessuale Soziologie, die Individuum und Gesellschaft nicht als Gegensätze, sondern als zwei Aspekte desselben Geflechts denkt.
Quellen & Stimmen
- Wikipedia: Über den Prozeß der Zivilisation – Inhalt, Editionsgeschichte, Rezeption, Duerr-Kontroverse
- Elias, Norbert: Über den Prozeß der Zivilisation (Metzler/SpringerLink)
- SozTheo: Schlüsselwerk – Norbert Elias (1939)
- Teresa Koloma Beck: Mehr als der Mythos vom Zivilisationsprozeß (Zeithistorische Forschungen 15/2018)
- Michael Hinz: Der Zivilisationsprozeß – Mythos oder Realität? (zur Elias-Duerr-Kontroverse)
- Wolf Lepenies: »Auch unsere Zivilisation ist nie vollendet worden« (Die Welt, 2016)