Elias · Prozeß der Zivilisation
Bd. 2 · Zweiter Teil I–II · S. 123–142

Soziogenese des Staates: Konkurrenz und Monopolbildung

Die erste Station des aufsteigenden Königshauses

Mit dem „Zweiten Teil“ betritt Elias das Zentrum seiner Staatstheorie. Er fragt nicht mehr, warum die naturalwirtschaftliche Kriegergesellschaft zerfällt, sondern wie aus dieser Zersplitterung wieder eine Einheit hervorgeht — und zwar nicht durch den Plan eines weitblickenden Fürsten, sondern durch einen blinden, gesetzmäßigen Mechanismus. Sein Modellfall ist das französische Königshaus, das um 1100 nur eines unter vielen konkurrierenden Kriegerhäusern ist. Elias zeigt an Ludwig VI., dem „Dicken“, wie ein einzelnes Haus durch beständige Akkumulation von Land und Macht aus dem Kreis der Konkurrenten herauswächst — und entwickelt daraus ein allgemeines Gesetz: Eine Gesellschaft vieler annähernd gleich starker Macht- und Besitzeinheiten neigt unter Konkurrenzdruck dazu, die freie Balance der Vielen zu verlassen und einer Monopolstellung des Einen zuzustreben. Der Exkurs über England, Frankreich und Deutschland erklärt sodann, warum dieser Mechanismus in Gebieten verschiedener Größe so verschieden rasch und vollständig zum Ziel kommt.

1. Vom vielen Herren zum einen: das Ausscheidungsprinzip

Elias setzt mit einer methodischen Vorbemerkung ein, die den ganzen Teil trägt: Die Königskrone ist kein gleichbleibendes Ding, sondern eine soziale Funktion, deren Gewicht sich mit der Gesellschaftsstruktur wandelt. Was „König“ in einer naturalwirtschaftlichen Kriegergesellschaft heißt, ist etwas völlig anderes als im späteren Absolutismus — auch wenn allen Trägern der Krone nominell gewisse Zentralfunktionen, vor allem die Kriegführung gegen den äußeren Feind, gemeinsam bleiben.

„Die Königskrone bedeutet in verschiedenen Phasen der gesellschaftlichen Entwicklung etwas sehr verschiedenes, wenn auch allen ihren Trägern faktisch oder nominell gewisse Zentralfunktionen, vor allem die Funktion der Kriegführung gegen einen äußeren Feind, gemeinsam sind.“ — Bd. 2, S. 123

Am Beginn des 12. Jahrhunderts ist das ehemalige westfränkische Reich, kaum noch von starken äußeren Feinden bedroht, endgültig in eine Reihe selbständiger Herrschaftseinheiten zerfallen. Das Band, das die „Provinzen“ einst an den Chef der Monarchie knüpfte, ist so gut wie zerrissen; die großen Feudalherren haben — wie Elias mit dem Historiker Flach belegt — die „Allüren von unabhängigen Staaten“ angenommen, die jedem äußeren Einfluss des Königs verschlossen sind. Selbst die offiziellen Titel verraten den Bruch: Die Fürsten hören auf, sich „comtes du Roi“ zu nennen.

In dieser Lage, so Elias' entscheidender Gedanke, tut der „König“ nichts anderes als seine großen Rivalen: Er konzentriert sich auf die Festigung seines Besitzstandes in jenem einzigen Gebiet, das seinem Zugriff noch offensteht — dem Herzogtum Francien. Was wie ein Verzicht auf die Königsfunktion aussieht, ist in Wahrheit der erste Schritt eines langen Aufstiegs. Der Träger der Krone steigt zurück in den Rang eines großen Feudalherrn — um von dort, über Generationen, durch Akkumulation wieder emporzusteigen.

Kernidee. Aus vielen annähernd gleich starken Kriegerhäusern scheiden im Konkurrenzkampf immer mehr aus; die wenigen Sieger akkumulieren Land und Macht, bis schließlich eines die Monopolstellung gewinnt. Dieses Ausscheidungs- und Akkumulationsprinzip — eine Art sozialer „freier Wettbewerb“, der mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Monopol tendiert — ist für Elias der eigentliche Motor der Staatsbildung. Es wirkt „wie ein Uhrwerk“, unabhängig vom Willen der Beteiligten.
Der Ausscheidungsprozeß: aus vielen wird einer viele konkurrierende Kriegerhäuser wenige Große nach Akkumulation Monopolstellung des einen Hauses 1 Ausscheidung letzte Entscheidung Jeder Schritt verringert die Zahl der Konkurrenten und vergrößert die Machtmittel der Überlebenden.
Das Ausscheidungsprinzip: Aus einem Feld vieler relativ gleich starker Häuser werden durch Sieg, Erbschaft, Kauf und erzwungene Angliederung erst wenige Große, dann zwei Rivalen, schließlich ein Monopolist.

2. Konkurrenzkämpfe im Rahmen eines Territoriums

Elias macht den abstrakten Mechanismus an einer einzigen Gestalt anschaulich: an Ludwig VI., König von 1108 bis 1137. Dessen ganzes Leben gilt zwei eng verflochtenen Aufgaben — dem unmittelbaren Hausgut, dem Domanialbesitz innerhalb Franciens zu vergrößern, und allen Konkurrenten, die sich mit ihm an Macht messen können, niederzukämpfen. Beide Aufgaben fördern einander: Wen er besiegt, dem nimmt er seinen Besitz, ohne ihn von neuem zu verlehnen — und vergrößert so in ganz kleinen Schritten die wirtschaftliche und militärische Grundlage seiner Macht.

Der Träger der Krone, so Elias, ist hier „zunächst nichts anderes, als ein großer Feudalherr“. Seine Machtmittel sind so gering, dass selbst zusammengeschlossene kleinere Feudalherren ihm erfolgreichen Widerstand entgegensetzen können. Das Kapetingerhaus kämpft gegen die Häuser von Montmorency, Beaumont, Rochefort, Montlhéry, Ferté-Alais, Puiset — wie, viele Jahrhunderte später, das Hohenzollernhaus in der Person des Großen Kurfürsten gegen die Quitzows und Rochows kämpft. Nur waren die Chancen der Kapetinger ungleich ungünstiger: Der Große Kurfürst verfügte schon über eine monopolistische Gewalt über die Machtmittel seines Territoriums, während Ludwig VI. im Wesentlichen nur ein Großgrundbesitzer unter etwas schwächeren Großgrundbesitzern war.

„Erst dem Sieger in diesen Kämpfen konnte eine Art von Monopolstellung innerhalb des Territoriums, eine Stellung jenseits des Konkurrenzbereiches anderer Häuser zufallen.“ — Bd. 2, S. 125

Wie mühsam dieser Kampf war, zeigt Elias am Fall der Festung Montlhéry. Sie beherrschte den Weg zwischen den beiden wichtigsten Teilen der kapetingischen Domäne, der Verbindungslinie zwischen den Gebieten um Paris und um Orléans. Ein einst belehnter Dienstmann hatte hier eine Burg errichten dürfen; sein Enkel beherrschte das Umland bereits „wie ein unabhängiger Herr“ — ein Musterfall jener zentrifugalen Bewegung, die sich in dieser Zeit zwangsläufig überall vollzieht. Erst dem Vater Ludwigs VI. gelang es, durch die Verheiratung eines etwa zehnjährigen Bastardsohns mit der Erbin von Montlhéry die Burg in die Verfügungsgewalt seines Hauses zu bringen. Der sterbende König beschwört seinen Sohn, diesen Turm wohl zu hüten:

„Allons, beau fils Louis, … garde bien cette tour de Montlhéry, qui en me causant tant de tourments, m'a vieilli avant l'âge et par laquelle je n'ai jamais pu jouir d'une paix durable …. Elle était le centre de tous les perfides de près ou de loin et il n'arrivait de désordre que par elle ou avec son concours.“ — Bd. 2, S. 126

Elias zieht die Lehre des Beispiels in die Gegenwart hinein: Verbindungsprobleme, wie sie heute in den zwischenstaatlichen Beziehungen eine Rolle spielen, sind hier nur in einer anderen Größendimension zu finden — bei der „mikroskopischen Wegstrecke“ Paris–Orléans, denn Montlhéry liegt nur 24 km von Paris entfernt. Erst nach langwierigen Kämpfen gelingt es, den Besitz dieses Hauses endgültig dem Kapetingerhaus anzugliedern, was — wie immer in solchen Fällen — zugleich militärische Stärkung und wirtschaftliche Bereicherung bedeutet: 200 livres Einkünfte, 13 direkte und 20 indirekte Lehen, deren Inhaber nun die Kriegsmacht der Kapetinger vergrößern. Es kostete den König zwanzig Jahre, ehe er auch mit den Häusern Rochefort, Ferté-Alais und Puiset fertig wurde.

Jeder einzelne Sieg ist zugleich Subtraktion und Addition: Was der Verlierer verliert, wird beim Sieger nicht neu verlehnt, sondern dem Hausgut einverleibt. Aus der Reihe solcher Schritte wächst die Differenz, die das eine Haus „dem Konkurrenzbereich aller anderen Krieger des Herzogtums Francien“ entwachsen lässt (Bd. 2, S. 127).

3. Land als knappes, umkämpftes Gut

Warum überhaupt ringen die Häuser so unerbittlich? Elias verweist auf die im vorigen Kapitel entwickelte Lage: Mit dem Bevölkerungswachstum, der Verfestigung des Bodenbesitzes und den Schwierigkeiten der äußeren Expansion verstärkt sich die Konkurrenz um den Boden im Innern. Für die ärmeren Ritter ist sie ein einfaches Verlangen nach standesgemäßem Unterhalt; für die obersten und reichsten ein Antrieb zum Streben nach „mehr“ Land. Denn in einer solchen Gesellschaft gibt es kein Verharren: Wer nicht erwirbt, verliert relativ — Land ist ein knappes Gut in einem Nullsummenspiel der Macht.

„Wer in einer Gesellschaft mit solchem Konkurrenzdruck nicht ‚mehr‘ erwirbt, wird automatisch ‚weniger‘, wenn er nur bewahrt, was er besitzt.“ — Bd. 2, S. 133–134

Hier liegt für Elias die eigentliche Triebfeder, die die Territorialherren gegeneinandertreibt — und ebendamit den Monopolmechanismus in Gang setzt. Der Druck durchzieht die Gesellschaft „von oben bis unten“. Solange die Machtmittel sich noch in einem Rahmen halten, der vielen ein Messen erlaubt, herrscht eine labile Balance. Doch nach vielen Siegen und Niederlagen werden einige durch Akkumulation stärker, andere scheiden aus; die wenigen Sieger kämpfen weiter, und der Ausscheidungsprozess wiederholt sich, bis nur noch zwei Territorialherrschaften übrig sind, zwischen denen die Entscheidung steht. Alle anderen sinken zu Figuren zweiter oder dritter Ordnung herab.

Elias hütet sich dabei vor einer rein personalistischen Geschichtsschreibung. Persönliche Qualitäten Einzelner und mannigfache „Zufälle“ — der frühe oder späte Tod eines Mannes, das Fehlen männlicher Erben — können entscheiden, welches Territorium siegt. Doch dass es überhaupt zu einer Monopolbildung kommt, hängt von diesen Zufällen nicht ab; sie beschleunigen oder verlangsamen den Prozess nur. Dass eine Gesellschaft vieler gleich großer Einheiten unter starkem Konkurrenzdruck zur Vergrößerung einiger weniger und schließlich zum Monopol tendiert, hat einen sehr hohen Grad von Wahrscheinlichkeit.

„Man würde diese Feststellung vielleicht in der Sprache der exakten Naturwissenschaft ein ‚Gesetz‘ nennen. Genau besehen handelt es sich um die relativ präzise Formulierung für einen recht einfachen, gesellschaftlichen Mechanismus, der, einmal in Gang gesetzt, weiter arbeitet, wie ein Uhrwerk.“ — Bd. 2, S. 135
Elias formuliert hier sein vielleicht berühmtestes soziologisches „Gesetz“: Ein Menschengeflecht, in dem viele Einheiten relativ frei konkurrieren, neigt dazu, diese Gleichgewichtslage zu verlassen und sich einer Lage zu nähern, in der eine einzige Einheit durch Akkumulation ein Monopol über die umstrittenen Machtchancen erlangt. Der „freie Wettbewerb“ gebärt das Monopol — auf dem Feld der Wirtschaft wie auf dem der Herrschaft.

4. Exkurs: England, Frankreich, Deutschland

Im „Exkurs über einige Unterschiede im Entwicklungsgang Englands, Frankreichs und Deutschlands“ prüft Elias die Reichweite seines Gesetzes an einem Vergleich, der seither zum Klassiker geworden ist. Der Mechanismus der Vormachtbildung ist überall der gleiche; was sich unterscheidet, ist die Größe der Gebiete, in denen er wirkt — und diese Größe ist, so seine These, „ein nicht zu vernachlässigendes Element“ der Struktur des Prozesses, ein Element unter anderen.

„Die Aufgabe, die der Kampf um die Vormacht, und das heißt zugleich um die Zentralisierung und die Herrschaft, den Beteiligten stellte, war aus einem sehr einfachen Grund für England und Frankreich eine andere, als für das Gebiet des deutsch-römischen Imperiums: Dieses Imperium war ein Gebilde von einer ganz anderen Größe als jene beiden.“ — Bd. 2, S. 129

Den Größenunterschied macht Elias mit harten Zahlen greifbar. Als die westfränkische Krone dem Kapetingerhaus zufällt, reicht das Gebiet wirklicher Macht nur von Paris bis Senlis im Norden und bis Orléans im Süden. Das Imperium Ottos I. dagegen, der 25 Jahre zuvor in Rom zum Kaiser gekrönt worden war, reichte von Antwerpen und Cambrai im Westen bis an die Elbe, über Brünn und Olmütz hinaus im Osten, von Schleswig im Norden bis Verona und Istrien im Süden — dazu ein guter Teil Italiens und zeitweise Burgund. Ein Gebilde „in einer absolut anderen Größendimension“, durchzogen von ungleich größeren Spannungen und Interessengegensätzen.

Die englische Lage steht am anderen Ende der Skala. Das Inselterritorium, das Wilhelm der Eroberer 1066 gewann, umfasste — ohne Schottland und Wales — nur etwa 131 764 qkm; es erinnert an „Preußen unter den ersten Königen“. Was Wilhelm und seine Nachfolger aufbauten, war in der Tat nichts anderes als eine große Territorialherrschaft des westfränkischen Reiches — nicht sehr verschieden von Francien, Aquitanien oder Anjou. Frankreich endlich steht der Größe nach „grob gesprochen, in der Mitte“ zwischen dem späteren England und dem deutsch-römischen Kaiserreich — und genau diese mittlere Größe wird für seinen Sonderweg bedeutsam.

Drei Größendimensionen, drei Entwicklungsgänge (nach Elias, Bd. 2, S. 129–142)
EnglandFrankreichDeutsch-röm. Imperium
Größe des Kerngebietsklein, Insel (≈ 131 764 qkm)mittel (Francien → Frankreich)sehr groß (von Antwerpen bis über die Elbe)
Landschaftliche Divergenzengering, durch Insellage abgesondertmäßigaußerordentlich groß
Zentrifugale Kräfteschwachmittelsehr stark
Aufgabe des Zentralherrnvergleichsweise leichtleichter als im Imperium„kaum lösbar“
Ergebnisfrühe Einigung, Wachstum vom Kleinen zum Großenfrühe, kontinuierliche Reintegrationspäter, mühsamer; Zerfall und Verkleinerung

Elias illustriert die Folgen der Größe an den gescheiterten Zentralisierungsversuchen des Imperiums. Immer wieder versuchte ein Haus von Territorialherren, mit der Kaiserkrone zugleich eine stabile Hegemonie zu gewinnen — und verbrauchte dabei jene Quelle, die seine Macht trug: den eigenen Stammes- und Domanialbesitz. Heinrich IV. bricht unter dem Ansturm der Territorialherren, der Kirche, der oberitalienischen Städte und seines eigenen Sohnes zusammen. Karl V. muss noch in seinen Erblanden mit unzähligen Ständeversammlungen verhandeln, während Franz I. längst Steuern erhebt, ohne die Besteuerten zu befragen; als Karl abdankt, steht seine Verwaltung „finanziell vor dem Bankrott“. Nach jedem vergeblichen Anlauf eines neuen Hauses ging die Dezentralisierung einen Schritt weiter.

5. Warum die Entwicklungsgänge sich unterscheiden

Worin liegt der Grund für diese gegensätzlichen Trends? Elias antwortet mit einer einfachen, aber folgenreichen Beobachtung: In Deutschland und in Frankreich verlaufen die Bewegungen der Gebietsgröße entgegengesetzt. Das deutsch-römische Reich schrumpft — durch Jahrhunderte bröckeln vor allem im Westen und Süden Randgebiete ab und gehen ihre eigenen Wege, während die Ostkolonisation die Verluste nur teilweise ausgleicht. Frankreich und England dagegen wachsen vom Kleinen zum Großen: Hier entwickeln sich die traditionellen Institutionen zunächst in ganz kleinen Gebieten und dehnen ihren Wirkungskreis langsam aus.

Diese Richtungsdifferenz belegt Elias mit der reinen Gebietsgröße des eigentlich deutschen Raums, die noch in der neueren Geschichte erkennbar abnimmt:

Abschleifung des deutschen Gebiets 630 098 qkm Dt. Bund vor 1866 540 484 qkm nach 1870 471 000 qkm nach 1918 Trend: beständige Verkleinerung — bei umgekehrtem Trend in England und Frankreich.
Die von Elias zitierte Zahlenreihe (Bd. 2, S. 138) macht den allgemeinen Trend sichtbar: In Deutschland schrumpft das Gebiet, in den westlichen Nachbarn wächst es — Ausdruck zweier gegenläufiger Soziogenesen.

Auch das englische Sonderprofil erklärt Elias aus Größe und Lage. Die relative Kleinheit und Abgesondertheit der Insel erleichterte die Einigung — aber sie erleichterte unter Umständen auch eine Einigung der Stände gegen den Zentralherrn, zumal Wilhelms verstreute Landverteilung einheitliche Interessen der gutsbesitzenden Schichten über ganz England hin begünstigte. Das englische Parlament lässt sich darum, was seine Bildung angeht, nicht mit den deutschen Reichsständen, sondern allenfalls mit deutschen Landständen vergleichen; die Institutionen wachsen, „wie England selbst, vom kleineren zum größeren“.

Gerade die mittlere Größe Frankreichs erweist sich als günstigste Konstellation. Hier sind die Divergenzen geringer als im Imperium, aber groß genug, um einen unmittelbaren Zusammenschluss der Stände über das ganze Land hin zu erschweren — eine Lage, die, wie Elias andeutet und später ausführt, die Position des Zentralherrn stärkt. Ein „gewisses Maß von Uneinheitlichkeit“ — nicht so groß, dass es den Zerfall wahrscheinlich macht, und groß genug, dass die Stände sich nicht einig gegen die Krone stellen können — ist das Geheimnis der französischen Zentralisierung.

„Die Chancen, die das westfränkische Nachfolgegebiet seiner Ausdehnung nach für das Aufkommen eines Zentralherren, für die Ausbildung eines Herrschaftsmonopols bot, waren also nicht schlecht.“ — Bd. 2, S. 142

Elias verschweigt nicht, dass diese Frage für das Verständnis des 20. Jahrhunderts unmittelbare Bedeutung hat. Er stellt den „seit langem gefestigten, besser ausbalancierten und durch Expansion gesättigten“ westlichen Staaten die „erst seit kurzem einigermaßen gefestigten, zu spät zur Expansion gekommenen Nachfolgestaaten des alten Imperiums“ gegenüber. Doch er warnt zugleich vor einer einseitigen Sicht und stellt die nicht minder wichtige Komplementärfrage: warum dieser disparate Koloss trotz seines ungünstigen Aufbaus so lange zusammenhielt — warum das Imperium nicht schon eher zerfiel.

6. Vom freien Wettbewerb zum Monopol

Im letzten Schritt bündelt Elias die Befunde zu einer allgemeinen Theorie der Staatenbildung. Der Mechanismus, der zuvor innerhalb eines Territoriums zwischen einzelnen Gutsherren wirkte, wiederholt sich auf der nächsthöheren Ebene — zwischen den Territorialherrschaften selbst. Ist die Vormacht eines Hauses im kleineren Gebiet gesichert, so tritt der Kampf um die Hegemonie im weiteren Gebiet in den Vordergrund: der Kampf der wenigen größeren Territorialherren um die Vormacht innerhalb des Königreichs. Das ist die Aufgabe, die sich den Nachkommen Ludwigs VI. stellt.

Entscheidend ist, dass dieser Prozess in der naturalwirtschaftenden Gesellschaft noch ungetrennt abläuft, was später auseinandertritt. In der funktionsteiligen Gesellschaft der Neuzeit vollzieht sich die wirtschaftliche und die militärisch-herrschaftliche Vormachtbildung getrennt: Unternehmen kämpfen um die monopolartige Kontrolle eines Wirtschaftszweigs, Staaten um die Vormacht über einen Erdteil. Bei Ludwig VI. fallen beide noch in einem zusammen — das Haus, das ein Territorium beherrscht, ist zugleich das reichste Haus dieses Territoriums, und seine Herrschaft schwindet, sobald es nicht mehr das landreichste und damit kriegsmächtigste ist.

„In ähnlicher Weise — durch Akkumulation des Besitzes — sind langsam in der neueren Zeit einzelne, wirtschaftliche Unternehmungen aus dem Konkurrenzbereich der anderen herausgewachsen und kämpfen miteinander, bis schließlich eines oder zwei von ihnen einen bestimmten Zweig der Wirtschaft monopolartig kontrollieren und beherrschen.“ — Bd. 2, S. 128–129

Diese Parallele zwischen ökonomischem und politischem Monopol ist kein bloßer Vergleich, sondern Elias' theoretischer Kern: In beiden Fällen wirkt derselbe Mechanismus. Aus freier Konkurrenz vieler relativ gleich starker Einheiten geht mit hoher Wahrscheinlichkeit das Monopol des einen hervor. Wer dies vor Augen hat, versteht erst, welche Faktoren ihn in der Geschichte einzelner Länder modifizieren oder hemmen — und warum die Aufgabe des potentiellen Zentralherrn im riesigen Imperium „so unvergleichlich viel schwerer“ war als im kleinen westfränkischen Gebiet.

Auf die schließliche Staatenbildung im Imperium kommt Elias am Ende des Exkurses zurück: Unter den deutschen Territorialherrschaften wuchs die Macht der Hohenzollern — vor allem durch Expansion im Kolonialgebiet — langsam in eine Konkurrenzsituation mit der älteren Habsburgermacht hinein. Es kam zum Vormachtskampf, zum Sieg der Hohenzollern, zur Zusammenfassung der deutschen Territorien unter einer Herrschaftsapparatur. Doch dieser Sieg bedeutete zugleich einen weiteren Schritt zur Desintegration des alten Reichs: Die Habsburgerlande schieden mit ihrer Niederlage aus dem Herrschaftsverband aus. Das Imperium war „als Ganzes zu groß, zu disparat und damit hemmend für den Prozess der Staatenbildung“.

Die Seiten schließen mit dem Übergang zum nächsten Kapitel: Bleibt im Einzelnen zu sehen, wie das Kapetingerhaus seine Chancen ergriff und durch welche Mechanismen sich überhaupt ein Herrschaftsmonopol herausarbeitete. Elias kündigt damit den „Monopolmechanismus“ an, der das Doppelmonopol von Gewalt und Steuer ins Zentrum stellt — die nächste Station des aufsteigenden Königshauses.

Der Monopolmechanismus ist eine Stufenfolge: erst zwischen Gutsherren im Territorium, dann zwischen Territorialherren im Königreich, schließlich zwischen Staaten um den Erdteil. Auf jeder Stufe scheidet die Konkurrenz die Vielen aus, bis das Monopol des Einen steht. Was später als wirtschaftliches und militärisches Monopol auseinandertritt, ist bei Ludwig VI. noch eins — Boden ist hier zugleich Reichtum und Waffe.

Begriffe dieses Kapitels

Soziogenese des Staates
Die Entstehung der zentralisierten Herrschaft aus ungeplanten Konkurrenz- und Akkumulationsprozessen — nicht als Tat eines Fürsten, sondern als gesetzmäßiger Vorgang.
Ausscheidungs- / Selektionsprozeß
Der „gesellschaftliche Selektionsprozeß“, in dem aus vielen konkurrierenden Häusern durch Sieg und Angliederung immer weniger werden, bis zwei und schließlich eines übrig bleiben.
Monopolmechanismus
Die Tendenz einer Gesellschaft vieler gleich starker Einheiten, unter Konkurrenzdruck die freie Balance zu verlassen und in das Monopol des Einen umzuschlagen — „wie ein Uhrwerk“.
Akkumulation
Die schrittweise Anhäufung von Landbesitz (durch Heirat, Kauf, Eroberung), die dem siegenden Haus zugleich militärische und finanzielle Vormacht verschafft.
Zentrifugale Kräfte
Die Tendenz verliehenen Bodens, sich zu verselbständigen („wie ein unabhängiger Herr“); sie sind im großen, disparaten Imperium stärker als im kleinen Gebiet.
Größendimension
Die räumliche Ausdehnung eines Gebiets als „nicht zu vernachlässigendes Element“ der Struktur: Sie entscheidet, wie rasch und vollständig der Monopolmechanismus zum Ziel kommt.