Elias · Prozeß der Zivilisation
Einleitung & Vorwort · Bd. 1, S. VII–LXXII

Einleitung und Vorwort: Das Programm einer Prozess-Sozio­logie

Soziogenese und Psychogenese, Figuration, der Mensch im Plural — Elias’ methodisches Fundament

Wer das Hauptwerk von Norbert Elias verstehen will, muss zunächst durch ein Tor hindurchgehen, das der Verfasser selbst dreissig Jahre nach der Erstausgabe von 1936 vor sein Buch gesetzt hat. Die lange Einleitung, die er 1968 in Leicester schrieb, ist kein blosses Vorgeplänkel, sondern eine eigenständige Programmschrift. In ihr verteidigt Elias eine Soziologie der langfristigen Prozesse gegen die Zustands-Soziologie seiner Zeit, er zertrümmert das vertraute Bild des in sich abgeschlossenen Einzelnen — des »homo clausus« — und er liefert mit dem Begriff der Figuration das Werkzeug nach, das es erlaubt, Menschen grundsätzlich im Plural zu denken. Diese Seite erschliesst die methodischen Grundentscheidungen, die das gesamte Werk tragen, und führt von dort zum Vorwort von 1936 hinüber, in dem Elias sein eigentliches Vorhaben — den Wandel des Verhaltens, gelesen an den Manierenbüchern des Abendlandes — in knapper Form umreisst.

1. Eine vergessene und wiederentdeckte Soziologie

Elias eröffnet seine Einleitung mit einer Bestandsaufnahme, die zugleich eine Verteidigung ist. Sein Buch, schreibt er, stehe »von der theoretischen wie von der empirischen Seite her in recht entschiedenem Gegensatz zu weit verbreiteten Tendenzen der zeitgenössischen Soziologie«. Worin besteht dieser Gegensatz? Die Soziologie des 19. Jahrhunderts — Comte, Spencer, Marx, Hobhouse — hatte die langfristigen gesellschaftlichen Prozesse ins Zentrum ihres Forschungsinteresses gestellt. Im 20. Jahrhundert dagegen, so Elias’ Diagnose, sei die Soziologie zu einer »Zustandssoziologie« geworden, aus deren Betrieb das Bemühen um die Aufhellung langfristiger Prozesse »so gut wie völlig verschwunden« sei. Der Begriff der gesellschaftlichen Entwicklung sei in Verruf geraten, ja beinahe als altmodisch verpönt.

Diese Verlagerung erklärt Elias nicht als reinen Erkenntnisfortschritt, sondern als einen ideologisch motivierten Pendelschlag. Die Führungstheoretiker des 20. Jahrhunderts hätten gegen den »flachen Fortschrittsglauben« der Vorgänger reagiert — jenen Glauben, dass die Gesellschaftsentwicklung notwendig eine Entwicklung zum Besseren sei. Doch statt die älteren Modelle sorgfältig zu revidieren, das Brauchbare vom Ideologischen zu trennen, habe man den ganzen Problembereich verworfen. Elias fasst dieses Versagen in ein einprägsames Bild:

Da man sich nicht die Mühe nahm, zwischen den sachgerechten Gedankenmotiven und den ideologischen Gedankenmotiven des Entwicklungsbegriffs zu unterscheiden, wurde von nun an der ganze Problembereich der langfristigen gesellschaftlichen Prozesse […] eo ipso mit dem einen oder dem andern der Glaubenssysteme des 19. Jahrhunderts assoziiert […]. Man schüttet, mit einem Wort, das Kind mit dem Bade aus. — Bd. 1, Einleitung, S. XXV / XLII

Die methodologische Pointe dieser Diagnose liegt in einem ungewohnten Selbstbewusstsein: Elias begreift sein eigenes Werk nach einer Generation immer noch als »Pionierarbeit«. Was in einem reifen Fach längst entweder zum Standardwissen gehörte oder überholt und »zu Grabe getragen« wäre, harre in der Soziologie noch der Bearbeitung. Damit ist von vornherein klar: Die Einleitung ist nicht Apologie eines historischen Spezialthemas, sondern Plädoyer für einen ganzen Forschungsstil — die kombinierte Durchforschung eines Gegenstandes »auf der empirischen und der theoretischen Ebene zugleich«.

Elias illustriert seinen Gegensatz am prominentesten Gegenspieler der Stunde, Talcott Parsons, der ihm als führender Theoretiker der Soziologie gilt. Parsons’ Verfahren zerlege die Gesellschaftstypen »analytisch in ihre elementaren Bestandteile«, in feststehende »pattern variables« wie das Gegensatzpaar »Affektivität — affektive Neutralität«. Elias greift dazu ein Bild auf, das den Unterschied der Denkweisen plastisch macht: Parsons stelle sich eine Gesellschaft vor »wie ein Blatt Karten in der Hand eines bestimmten Spielers« — jeder Gesellschaftstyp eine andere Mischung, aber »die Karten selbst sind immer die gleichen«. Genau das ist Elias’ Vorwurf: Was bei ihm als Prozess empirisch nachgewiesen werde, reduziere Parsons nachträglich auf zwei statische Zustandskategorien.

19. Jahrhundert Entwicklungssoziologie 20. Jahrhundert Zustandssoziologie „Alles fließt“ (heraklitisch) Werden, Genese, Prozess Blick auf die Zukunft Ideal: Fortschritt Risiko: Fortschrittsglaube „Ruhender Pfeil“ (eleatisch) Gleichgewicht, System Blick auf die Gegenwart Ideal: ewige Nation Risiko: Zustandsreduktion Pendelschlag
Elias deutet die Geschichte der Soziologie als überschiessenden Pendelschlag: von der einseitigen Entwicklungsorientierung des 19. zur ebenso einseitigen Zustandsorientierung des 20. Jahrhunderts. Sein eigenes Programm sucht die Mitte — gerichtete Prozesse empirisch zu fassen, ohne in den Fortschrittsglauben zurückzufallen.
Kernidee. Die Soziologie des 20. Jahrhunderts hat über der berechtigten Kritik am Fortschrittsglauben das ganze Problem des langfristigen Wandels aufgegeben — sie hat das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Elias will den »Tatsachenkern« des Zivilisationsbegriffs freilegen, ohne ihn metaphysisch zu überfrachten und ohne ihn statisch zu erstarren.

Hinter dem Streit um Begriffe steht für Elias eine soziale Lagerung des Denkens selbst. Die aufsteigenden industriellen Klassen des 19. Jahrhunderts hätten ihr Ideal in der Zukunft gesucht und deshalb die Entwicklung der Gesellschaft betont; die aufgestiegenen, etablierten Schichten des 20. Jahrhunderts hätten ihr Ideal in der ewigen, unveränderlichen Nation gefunden und deshalb das Bestehende zum Mass aller Dinge gemacht. So spiegele der Begriff des »sozialen Systems« im Gleichgewicht in Wahrheit das »Idealbild einer Nation« — einen demokratisch gedachten Nationalstaat, der zur überzeitlichen Wissenschaftskategorie aufgebläht werde. Elias’ Forderung lautet, dieses Gemisch von Sein und Sollen aufzulösen und »das Studium der Gesellschaft aus der Knechtschaft der gesellschaftlichen Ideologien zu befreien«.

Die Wiederentdeckung der Prozess-Soziologie beginnt mit einer Selbstkritik des Faches: Wer nur Zustände beschreibt, hat sich unbemerkt die eigene Gegenwart zum heimlichen Massstab gemacht.

2. Soziogenese und Psychogenese — die Doppelperspektive

Das Herzstück von Elias’ Methode ist die untrennbare Verschränkung zweier Fragerichtungen, die das Werk schon im Untertitel führt: Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Soziogenese fragt nach dem Werden der gesellschaftlichen Strukturen — wie aus einer Vielzahl frei rivalisierender Krieger eine zentralisierte Herrschaftsapparatur, ein Staat wird. Psychogenese fragt nach dem Werden der Persönlichkeitsstrukturen — wie sich der Affekthaushalt, die Selbstkontrolle, die Scham- und Peinlichkeitsschwelle der Menschen wandeln. Elias’ entscheidende These ist, dass dies nicht zwei getrennte Vorgänge sind, sondern zwei Seiten desselben langfristigen Prozesses.

Der erste Band, erklärt Elias, prüfe die Vermutung, dass es langfristige Wandlungen der Affekt- und Kontrollstrukturen gibt, die über viele Generationen »in ein- und dieselbe Richtung gehen«, nämlich in Richtung einer zunehmenden Straffung und Differenzierung der Kontrollen. Der zweite Band füge die gesellschaftliche Seite hinzu: den Staatsbildungsprozess als Beispiel einer Strukturwandlung hin zu höherer Differenzierung und Integrierung. Erst die Zusammenschau beider ermöglicht den abschliessenden »Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation«.

Der theoretische Gewinn dieser Doppelperspektive liegt darin, dass sie ein altes, scheinbar unlösbares Problem auflöst — das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. Elias formuliert das Grundprinzip mit grosser Schärfe:

Man kann sie nicht verstehen, wenn man aus dem Auge verliert, dass sich Begriffe wie »Individuum« und »Gesellschaft« nicht auf zwei getrennt existierende Objekte, sondern auf verschiedene, aber untrennbare Aspekte der gleichen Menschen beziehen, und dass beide Aspekte, dass Menschen überhaupt normalerweise in einem strukturierten Wandel begriffen sind. — Bd. 1, Einleitung, S. XVIII

Persönlichkeit und Gesellschaft sind also keine getrennten Körper, die nachträglich miteinander in Berührung kommen. Sie haben beide »den Charakter von Prozessen«, und genau diesen Prozesscharakter dürfe eine Theorie, die sich auf Menschen bezieht, nicht wegabstrahieren. Daraus folgt eine charakteristische Vorsicht im Sprachgebrauch: Man könne nie mit Bestimmtheit sagen, die Menschen einer Gesellschaft seien zivilisiert — wohl aber, gestützt auf Belege, dass bestimmte Menschengruppen zivilisierter geworden sind. Das Werden, nicht das fertige Sein, ist der Gegenstand.

Ein Prozess — zwei untrennbare Aspekte Soziogenese Psychogenese Wandel der Gesellschaftsstrukturen Differenzierung · Integrierung · Staatsbildung Wandel der Persönlichkeitsstrukturen Affektkontrolle · Scham- & Peinlichkeitsschwelle Interdependenz beider Stränge
Soziogenese und Psychogenese laufen nicht nebeneinander her, sondern bilden zwei Aspekte ein- und desselben langfristigen Wandels. Der Pfeil weist nach rechts: in dieselbe Richtung — zunehmende Differenzierung der Gesellschaft, zunehmende Selbstkontrolle des Einzelnen.

Hier zeigt sich auch der epistemische Vorzug von Elias’ Vorgehen gegenüber Parsons. Während Parsons die Beziehung von Sozialstruktur und Persönlichkeit nachträglich als »gegenseitige Durchdringung«, als »Interpenetration« zweier zunächst getrennter Wesenheiten denke, ergebe sich bei Elias die schärfere Fassung gerade daraus, dass »von dem Wandel beider, von dem Prozess ihres jeweiligen Werdens und Gewordenseins« nicht abstrahiert werde. Die Veränderung der Persönlichkeitsstrukturen lasse sich »unschwer als ein spezifischer Aspekt des Werdens von Gesellschaftsstrukturen erweisen«.

Soziogenese und Psychogenese sind kein Themenpaar, sondern eine einzige Doppelfrage: Wie veranlasst der Umbau der gesellschaftlichen Verflechtungen den Umbau des seelischen Haushalts — und umgekehrt?

3. Gegen den »homo clausus«: der Mensch im Singular vs. Menschen im Plural

Die berühmteste Passage der Einleitung gilt jenem Menschenbild, das Elias als das grösste Verständnishindernis seines Buches betrachtet: dem Bild des Einzelnen als eines in sich verschlossenen Wesens. Elias nennt es mit einem lateinischen Kunstwort den homo clausus, den geschlossenen Menschen. Dieses Bild ist tief verwurzelt — es tritt in der klassischen Erkenntnistheorie als das »erkenntnistheoretische Subjekt« auf, als homo philosophicus, der »nie ein Kind war und gleichsam als Erwachsener auf die Welt kam«. Seine Spielarten reichen vom homo oeconomicus über den homo psychologicus bis zum homo sociologicus; das Einzelmenschenbild des Descartes, Max Webers und Parsons sei, wie Elias spottet, »aus dem gleichen Holz geschnitzt«.

Worin besteht die Selbsterfahrung, die diesem Bild zugrunde liegt? In dem Gefühl, das eigene »Ich« sei ein in seinem »Inneren« von allen anderen Menschen und Dingen Abgeschlossenes. Elias bestreitet nicht die Echtheit dieses Gefühls — wohl aber seine Tauglichkeit als wissenschaftlicher Ausgangspunkt. Denn die entscheidende Frage, die niemand stelle, sei die nach der Natur jener Mauer:

Aber die Natur der Mauer selbst wird kaum je erwogen und nie recht erklärt. Ist der Leib das Gefäss, das in seinem Innern das eigentliche Selbst verschlossen hält? Ist die Haut die Grenze zwischen dem »Innern« und dem »Äussern«? Was ist am Menschen Kapsel und was das Verkapselte? — Bd. 1, Einleitung, S. IL (49)

Elias’ Antwort verbindet das Menschenbild mit der Zivilisationstheorie selbst, und genau hier zeigt sich die Eleganz seiner Konstruktion. Die »Mauer«, die das Individuum von der Welt zu trennen scheint, ist in Wahrheit kein räumliches Gebilde, sondern der Niederschlag der zivilisatorischen Selbstkontrolle. Was sich seit der Renaissance als verstärkter Selbstzwang zwischen Triebimpuls und Handlung schiebt, werde in der Selbsterfahrung als Kapsel, als unsichtbare Wand erlebt:

Es sind die zum Teil automatisch funktionierenden zivilisatorischen Selbstkontrollen, die in der individuellen Selbsterfahrung nun als Mauer, sei es zwischen »Subjekt« und »Objekt«, sei es zwischen dem eigenen »Selbst« und den anderen Menschen, der »Gesellschaft«, erfahren werden. — Bd. 1, Einleitung, S. LXI

Die Vorstellung des isolierten Einzelnen ist demnach selbst ein historisches Produkt — ein »Kunstprodukt der Menschen, das für eine bestimmte Stufe in der Entwicklung ihrer Selbsterfahrung charakteristisch ist«. Sie beruhe teils auf einer Verwechslung von Ideal und Tatsache, teils auf einer Verdinglichung der Selbstkontrollapparaturen. Mit einer kunstvollen Analogie stellt Elias diese Verirrung neben den Kopernikanischen Umbruch: Wie das geozentrische Weltbild der spontanen Selbstzentriertheit entsprang, so entspringe das »egozentrische Bild des gesellschaftlichen Universums« einer noch ungebrochenen Selbsterfahrung — und beide lassen sich durch ein sachgerechteres, wenn auch gefühlsmässig weniger ansprechendes Bild überwinden.

Zwei Menschenbilder bei Elias
Aspekthomo clausus (geschlossene Persönlichkeit)offene Persönlichkeit (Mensch im Plural)
GrundbildEinzelner, von einer Mauer umschlossenVielheit interdependenter Menschen
Autonomieabsolut, total unabhängigrelativ, nie absolut; Zeit ihres Lebens angewiesen
Status der Mauerscheinbar natürlich, ewig gegebenNiederschlag historischer Selbstkontrolle
Verhältnis Individuum/Gesellschaftzwei getrennte Objektezwei untrennbare Aspekte derselben Menschen
DenkfigurDescartes’ »Ich«, Leibniz’ fensterlose MonadeFiguration, Interdependenzgeflecht
Singular / PluralMensch im SingularMenschen im Plural

An die Stelle des homo clausus setzt Elias programmatisch das Bild der »offenen Persönlichkeit«. Sie besitzt »im Verhältnis zu andern Menschen einen höheren oder geringeren Grad von relativer Autonomie, aber niemals absolute und totale Autonomie«. Damit ist der Boden bereitet für den Grundbegriff, der diese Wende theoretisch fasst — die Figuration. Denn:

Da Menschen erst von Natur, dann durch gesellschaftliches Lernen, durch ihre Erziehung, durch Sozialisierung, durch sozial erweckte Bedürfnisse gegenseitig voneinander mehr oder weniger abhängig sind, kommen Menschen, wenn man es einmal so ausdrücken darf, nur als Pluralitäten, nur in Figurationen vor. — Bd. 1, Einleitung, S. LXVII
Kernidee. Der »homo clausus« ist keine ewige Wahrheit über den Menschen, sondern das Selbstbild einer bestimmten Zivilisationsstufe. Die erlebte »Mauer« zwischen Innen und Aussen ist der gefühlte Schatten der verinnerlichten Selbstzwänge. Wer dieses Bild nicht auflöst, kann den Zivilisationsprozess gar nicht denken — denn dieser besteht ja gerade im Wandel der Individualstrukturen.
Menschen gibt es nie im Singular. Das Menschenbild der Soziologie muss das Bild vieler sein, nicht das Bild eines Einzelnen.

4. Figuration und Interdependenzketten

Der Begriff der Figuration ist Elias’ sprachliche Antwort auf die Sackgasse, in die das homo-clausus-Denken die Soziologie geführt hat. Er ist eigens eingeführt, weil er »klarer und unzweideutiger als die vorhandenen begrifflichen Werkzeuge« ausspricht, dass das, was wir Gesellschaft nennen, »weder eine Abstraktion von Eigentümlichkeiten gesellschaftslos existierender Individuen, noch ein »System« oder eine »Ganzheit« jenseits der Individuen ist, sondern vielmehr das von Individuen gebildete Interdependenzgeflecht selbst«. Die Figuration ist also das Geflecht der wechselseitigen Angewiesenheiten, das die Menschen aneinander bindet. Den Systembegriff lehnt Elias ab, weil er »allzu stark mit der Vorstellung der Unveränderlichkeit belastet« ist.

Um die Abstraktion greifbar zu machen, wählt Elias ein Bild von bestechender Anschaulichkeit: den gesellschaftlichen Tanz. Eine Mazurka, ein Menuett, eine Polonaise, ein Tango, ein Rock’n’Roll — jeder Tanz zeigt, was eine Figuration ist. Niemand wird sich einen Tanz als ein Gebilde ausserhalb der Tanzenden vorstellen, als blosse Abstraktion; und ebenso wenig existiert ein Tanz, wenn keine Menschen ihn tanzen.

Die gleiche Tanzfiguration kann gewiss von verschiedenen Individuen getanzt werden; aber ohne eine Pluralität von aufeinander ausgerichteten, voneinander abhängigen Individuen, die miteinander tanzen, gibt es keinen Tanz; wie jede andere gesellschaftliche Figuration ist eine Tanzfiguration relativ unabhängig von den spezifischen Individuen, die sie hier und jetzt bilden, aber nicht von Individuen überhaupt. — Bd. 1, Einleitung, S. LXVIII

Das Tanzbild leistet zweierlei. Erstens löst es den scheinbaren Gegensatz von Individuum und Gesellschaft auf: Der Tanz ist weder das Eine noch das Andere, sondern das Muster, das die Tanzenden miteinander bilden. Zweitens enthält es bereits den Gedanken der Veränderung — wie sich kleine Tanzfigurationen wandeln, bald langsamer, bald schneller, so wandeln sich auch die grossen Figurationen, »die wir Gesellschaften nennen«. Damit ist der Begriff von vornherein dynamisch gefasst, im schärfsten Gegensatz zum ruhenden »System«.

Eng mit der Figuration verbunden ist der Begriff der Interdependenzketten. Die Menschen sind nicht nur lokal aneinander gebunden, sondern in zunehmend langen und dichten Ketten der Angewiesenheit verflochten. Die lange Welle der Integrierung, die Elias im zweiten Band untersucht, ist genau eine »Differenzierung und Verlängerung der Interdependenzketten« bei gleichzeitiger »Festigung der Staatskontrollen«. Je länger die Ketten, desto weiter muss der Einzelne sein Verhalten vorausberechnen, desto stärker muss er seine Affekte regulieren — hier schliesst sich der Kreis zur Psychogenese.

Figuration = Interdependenzgeflecht Knoten = Menschen · Linien = wechselseitige Angewiesenheiten
Die Figuration ist weder Summe isolierter Individuen noch ein über ihnen schwebendes Ganzes, sondern das Netz der Verbindungen selbst. Verlängern und verdichten sich diese Ketten — etwa im Staatsbildungsprozess —, so steigt der Druck zur Selbstregulierung.

Grundbegriffe dieser Seite

Figuration
Das von interdependenten Menschen gebildete Geflecht wechselseitiger Angewiesenheiten; weder Abstraktion noch System, sondern das Beziehungsmuster selbst (Bild: der Tanz).
Interdependenzketten
Die Ketten der gegenseitigen Abhängigkeit, die mit fortschreitender Differenzierung länger und dichter werden und höhere Affektkontrolle verlangen.
Soziogenese
Das Werden gesellschaftlicher Strukturen — Staatsbildung, Differenzierung, Integrierung.
Psychogenese
Das Werden der Persönlichkeitsstrukturen — Affekthaushalt, Selbstzwang, Scham- und Peinlichkeitsschwelle.
homo clausus
Das Bild des in sich verschlossenen Einzelmenschen; historisch entstandenes Selbstbild, nicht ewige Natur des Menschen.
offene Persönlichkeit
Der Mensch als von Grund auf auf andere ausgerichtetes, relativ autonomes Wesen; Gegenbegriff zum homo clausus.

5. Gerichtet, aber nicht geplant: Wandel ohne Plan

Eine der folgenreichsten Klarstellungen der Einleitung betrifft die Art des Wandels, um den es Elias geht. Er ist weder zufällig noch beliebig — aber er ist auch kein Werk eines planenden Subjekts. Elias unterscheidet sorgfältig zwischen blossem »Wandel«, der so unbestimmt sein kann wie das Treiben von Wolken oder Rauchringen (»bald sehen sie so aus, bald sehen sie anders aus«), und der gerichteten Strukturwandlung, die über viele Generationen in eine bestimmte Richtung läuft. Eben diese Gerichtetheit will er als Faktum nachweisen — »gleichgültig, wie man sie bewertet«.

Zugleich aber wehrt Elias jede teleologische oder mechanische Deutung ab. Mit einer empirisch-theoretischen Fragestellung, die auf langfristige Strukturwandlungen, auf »Entwicklungen« ziele, nehme man »Abschied von den metaphysischen Ideen […], die mit dem Begriff der Entwicklung entweder die Vorstellung einer mechanischen Notwendigkeit oder die einer teleologischen Zielstrebigkeit verbinden«. Es gibt kein Gesetz, das die Zivilisation zwangsläufig vorantriebe, und kein Ziel, auf das sie hinsteuerte. Worauf beruht dann die Gerichtetheit? Auf der »endogenen Dynamik der Figuration selbst« — etwa auf der immanenten Tendenz frei konkurrierender Einheiten zur Monopolbildung, die im zweiten Band den Staatsbildungsprozess erklärt.

Den entscheidenden Gedanken, dass ein gerichteter Prozess ohne planendes Subjekt zustande kommt, formuliert Elias schon im Vorwort von 1936 in einer Passage, die zum Kern seiner Soziologie gehört:

[…] dass alle diese Prozesse aus nichts bestehen als aus Aktionen einzelner Menschen, und dass dennoch in ihnen Institutionen und Formationen entstehen, die so, wie sie tatsächlich werden, von keinem einzelnen Individuum beabsichtigt oder geplant waren. — Bd. 1, Vorwort, S. LXXVIII

Diese Formel — aus den Handlungen Vieler entsteht eine Ordnung, die keiner geplant hat — ist der Schlüssel zu Elias’ Erklärungstyp. Er weist ausdrücklich darauf hin, »dass es Erklärungen gibt, die nicht den Charakter einer Kausalerklärung haben«. Die Wandlung der Figuration erklärt sich aus ihrer eigenen Dynamik, aus dem Ineinandergreifen der Handlungen vieler interdependenter Menschen, von denen jeder seine eigenen Zwecke verfolgt — das Resultat aber ist eine Struktur, die niemand gewollt hat. Im Bild gesprochen: Die Tanzenden führen ihre Schritte aus, doch die Figur, die dabei entsteht, gehört keinem einzelnen Tanzenden.

viele einzelne geplante Aktionen Verflechtung in der Figuration / endogene Dynamik gerichteter, aber ungeplanter Gesamtprozess Gerichtet — aber von niemandem geplant keine mechanische Notwendigkeit, keine teleologische Zielstrebigkeit
Elias’ Erklärungstyp: Aus den absichtsvollen Handlungen vieler Menschen entsteht durch ihre wechselseitige Verflechtung eine gerichtete Ordnung, die keine einzelne Absicht vorgesehen hat — weder ein Naturgesetz noch ein Ziel treibt sie an.

Diese Einsicht hat auch eine emanzipatorische Spitze, die Elias im Vorwort vorsichtig andeutet: Vielleicht gelinge es einmal, solche Prozesse, »die sich heute in uns und um uns nicht viel anders als Naturereignisse vollziehen« und denen wir gegenüberstünden wie mittelalterliche Menschen den Naturkräften, durch ein klareres Verständnis »einer bewussteren Lenkung zugänglich zu machen«. Die Diagnose, dass niemand den Prozess geplant hat, ist also kein Fatalismus, sondern die Voraussetzung dafür, ihn überhaupt erst denkend in den Griff zu bekommen.

Gerichtet ohne Plan: Der Zivilisationsprozess hat eine Richtung, aber keinen Regisseur. Er ist die ungewollte Resultante zahlloser gewollter Handlungen.

6. Das Vorwort von 1936: Civilité, das Programm des Buches

Das ursprüngliche Vorwort von 1936 ist kürzer und konkreter als die spätere Einleitung — es umreisst das eigentliche Vorhaben. Elias setzt mit einer schlichten, fast naiven Frage ein: Die Menschen des Abendlandes haben sich nicht von jeher so verhalten, wie wir es heute als »zivilisiert« ansehen. Könnte sich ein heutiger Mensch in die mittelalterlich-feudale Periode zurückversetzen, er würde dort »vieles von dem wiederfinden, was er heute an anderen Gesellschaften als »unzivilisiert« bewertet«. Daraus erwächst die Leitfrage des ganzen Werks:

Wie ging eigentlich diese Veränderung, diese »Zivilisation« im Abendlande vor sich? Worin bestand sie? Und welches waren ihre Antriebe, ihre Ursachen oder Motoren? Das sind die Hauptfragen, zu deren Lösung diese Arbeit beizutragen sucht. — Bd. 1, Vorwort, S. LXXII

Der methodische Zugang ist verblüffend bescheiden in seinem Material und gerade darin originell: Elias liest den Verhaltenswandel an den Manieren- und Anstandsbüchern des Abendlandes ab. Das zweite Kapitel präsentiert »Beispielreihen«, die wie ein Zeitraffer wirken — man sieht die Menschen bei Tisch, beim Schlafengehen, im Kampf, und beobachtet, wie sich über die Jahrhunderte »bei immer den gleichen Gelegenheiten ganz allmählich der Standard des menschlichen Verhaltens in einer bestimmten Richtung verschiebt«. An diesen scheinbar nebensächlichen Verrichtungen wird die gerichtete Wandlung sinnfällig, und dabei tritt ein Schlüsselmechanismus hervor: das Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsschwelle. Die »soziogenen menschlichen Ängste« erweisen sich »als eines der Kernprobleme des Zivilisationsprozesses«.

Hier verknüpft Elias die historische Beobachtung mit einer kraftvollen Analogie zur individuellen Entwicklung. Der psychische Prozess des Erwachsenwerdens, mit dem sich Psychologen und Pädagogen befassen, sei »nichts anderes als der individuelle Zivilisationsprozess«, dem jeder Heranwachsende unterworfen werde. Daraus folgt das vielzitierte methodische Prinzip:

Man kann daher die Psychogenese des Erwachsenenhabitus in der zivilisierten Gesellschaft nicht verstehen, wenn man sie unabhängig von der Soziogenese unserer »Zivilisation« betrachtet. Nach einer Art von »soziogenetischem Grundgesetz« durchläuft das Individuum während seiner kleinen Geschichte noch einmal etwas von den Prozessen, die seine Gesellschaft während ihrer grossen Geschichte durchlaufen hat. — Bd. 1, Vorwort, S. LXXIV–LXXV

Elias sichert dieses »soziogenetische Grundgesetz« sogleich in einer Fussnote gegen Missverständnisse ab: Es bedeute nicht, dass das Kind alle einzelnen Phasen der Gesellschaftsgeschichte — eine »naturalwirtschaftliche Feudalzeit«, eine »Renaissance« — durchlaufe. Gemeint sei allein die einfache Tatsache, dass kein Menschenwesen zivilisiert auf die Welt kommt und dass der individuelle Zivilisationsprozess »eine Funktion des gesellschaftlichen Zivilisationsprozesses ist«. Jedes Kind muss von neuem zu dem Standard hin erzogen werden, den seine Gesellschaft erreicht hat — aber es durchläuft eben nur diesen Stand, nicht die ganze Geschichte.

Das Vorwort skizziert auch bereits den Bogen des zweiten Bandes: vom »Schlagwort der Civilité« im Zeitalter des Absolutismus — jenem Wort, von dem unser Begriff »zivilisiert« abstammt — zurück zur Soziogenese der höfisch-»courtoisen« Verhaltensformen und zur Bildung des Staates. Den staatstheoretischen Kern fasst Elias mit einem Anschluss an Max Weber: Zum Staat gehöre ein »Monopol der körperlichen Gewaltausübung«. Was bei Weber rein definitorisch bleibe, wolle Elias als konkreten geschichtlichen Vorgang sichtbar machen — den Weg von der frei rivalisierenden Kriegerschaft zur Zentralisierung und Monopolisierung der Gewalt, jenem »Knotenpunkt«, an dem sich auch die »Prägungsapparatur des Individuums« entscheidend ändert.

Aufbau des Werks, wie das Vorwort von 1936 es ankündigt
TeilGegenstandLeitbegriff
1. Kapitel»Kultur« und »Zivilisation« in Deutschland und FrankreichBegriffsgeschichte, Enthärtung des Gegensatzes
2. KapitelWandel von Verhalten und Affekthaushalt (Beispielreihen)Scham- und Peinlichkeitsschwelle, Psychogenese
3. Kapitel (Bd. 2)Wandel des gesellschaftlichen Aufbaus: Feudalisierung, StaatsbildungSoziogenese, Gewaltmonopol, Monopolmechanismus
ZusammenfassungEntwurf zu einer Theorie der ZivilisationSelbstzwang, Über-Ich, ungeplanter Prozess

Bemerkenswert ist schliesslich die wertende Zurückhaltung, mit der Elias sein Vorhaben einrahmt. Er habe weder die Vorstellung geleitet, »dass unsere zivilisierte Art des Verhaltens die fortgeschrittenste aller menschenmöglichen Verhaltensweisen sei, noch die Meinung, dass die »Zivilisation« die übelste Lebensform und zum Untergang verurteilt sei«. Sichtbar sei nur, dass mit der allmählichen Zivilisation »eine Reihe von spezifischen Zivilisationsnöten« auftrete — man könne noch nicht ganz verstehen, »warum wir uns eigentlich quälen«. Diese Nüchternheit, geschrieben im September 1936 im Pariser und Londoner Exil, ist selbst ein Dokument: Elias entwirft eine Theorie der Zivilisation in dem Augenblick, da die abendländische Zivilisation in eine ihrer schwersten Krisen stürzt.

Kernidee. Das Vorwort von 1936 bündelt das Programm: An den Manierenbüchern (Civilité) wird der Verhaltenswandel sichtbar; Psychogenese (Wandel der Scham- und Affektstruktur) und Soziogenese (Staatsbildung, Gewaltmonopol) sind zwei Seiten desselben Prozesses; und das »soziogenetische Grundgesetz« verbindet die kleine Geschichte des Einzelnen mit der grossen Geschichte seiner Gesellschaft — ohne dass jemand diesen Prozess je geplant hätte.
Vom Tischmesser zum Gewaltmonopol: Elias liest die grosse Geschichte der Zivilisation an den kleinsten Gesten des Alltags ab — und findet in beiden dieselbe Richtung.