Elias · Prozeß der Zivilisation
Vertiefte Leseseite · 16 Inhaltsseiten

Über den Prozeß der Zivilisation

Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen · Wie aus äußerem Zwang innere Selbstkontrolle wurde
Norbert Elias · Suhrkamp (stw 158/159), Frankfurt a. M. 1976 (nach der 2. Aufl. Francke 1969; Erstausgabe Basel 1939) · rund 820 Seiten in zwei Bänden

Diese Leseseite erschließt Norbert Elias’ Hauptwerk Kapitel für Kapitel – mit Originalzitaten samt Seitenbeleg, Schaubildern, Begriffskarten und einer ausführlichen Seite zu Wirkung und Rezeption. Sie begleitet die Lektüre des Buches, sie ersetzt sie nicht.

Die zentrale These

Elias zeigt an einer Fülle von Anstands- und Manierenbüchern (13. bis 19. Jahrhundert), dass das, was wir »Zivilisation« nennen, kein Zustand und keine bewusste Erfindung ist, sondern ein langfristiger, gerichteter, aber von niemandem geplanter Prozeß. In ihm verwandeln sich äußere Zwänge (Fremdzwang) in verinnerlichte Selbstkontrolle (Selbstzwang): die Scham- und Peinlichkeitsschwelle rückt vor, Affekte werden gedämpft, körperliche Funktionen hinter die Kulissen des gesellschaftlichen Lebens verlagert. Diese Wandlung der Persönlichkeit (Psychogenese, Band 1) ist die Kehrseite eines Wandels der Gesellschaft (Soziogenese, Band 2): der Bildung von Gewalt- und Steuermonopolen, also des Staates.

Leitidee: Wandel der Sozialstruktur und Wandel der Persönlichkeitsstruktur sind zwei Seiten desselben Vorgangs. Der Staat (Gewaltmonopol) schafft »befriedete Räume« – und erst in ihnen lohnt und erzwingt sich jene beständige Selbstbeherrschung, die der zivilisierte Mensch für seine zweite Natur hält.

Aufbau der Leseseite

Band 1 verfolgt die Psychogenese (Wandel des Verhaltens), Band 2 die Soziogenese (Wandel der Gesellschaft) und führt beides im »Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation« zusammen.

Einleitung & Vorwort · Bd. 1

Das Programm einer Prozess-Soziologie

Soziogenese und Psychogenese, Figuration, Kritik am »homo clausus«, gerichteter, aber ungeplanter Wandel.

Kapitel I · 1 · S. 1

»Kultur« gegen »Zivilisation« in Deutschland

Wie aus einem sozialen Gegensatz (Adel/Bürgertum) ein nationaler wurde.

Kapitel I · 2 · S. 43

Die Geburt von »civilisation« in Frankreich

Hofgesellschaft, Physiokraten und das Selbstbewusstsein des Abendlandes.

Kapitel II · 1–3 · S. 65

Von der »courtoisie« zur »civilité«

Erasmus, mittelalterliche Umgangsformen und der Umbruch der Renaissance.

Kapitel II · 4 · S. 110

Das Verhalten bei Tisch

Messer, Gabel, Serviette – die lange Kurve der Tischsitten.

Kapitel II · 5–8 · S. 174

Bedürfnisse, Schneuzen, Spucken, Schlafraum

Das Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsschwelle.

Kapitel II · 9–11 · S. 230

Mann und Frau, Angriffslust, Ritter

Sexualität, Gewalt und der mittelalterliche Affekthaushalt.

Band 2 · 3. Kap. · S. 1

Mechanismen der Feudalisierung (I)

Zentrifugalkräfte, Bevölkerung, Kreuzzüge – der Beginn der Soziogenese.

Band 2 · 3. Kap. · S. 68

Feudalismus, Minnesang und courtoisie

Soziogenese des Feudalismus und der höfischen Umgangsformen.

Band 2 · 3. Kap. · S. 123

Soziogenese des Staates: Konkurrenz und Monopol

Das Ausscheidungsprinzip; England, Frankreich, Deutschland im Vergleich.

Band 2 · 3. Kap. · S. 143

Der Monopolmechanismus

Das soziologische Herzstück: Konkurrenz → Monopol → Vergesellschaftung.

Band 2 · 3. Kap. · S. 180

Königsmechanismus und Steuermonopol

Vom Konkurrenzkreis der Prinzen zur endgültigen Monopolstellung.

Band 2 · Entwurf · S. 312

Theorie der Zivilisation (I)

Die große Synthese: der gesellschaftliche Zwang zum Selbstzwang.

Band 2 · Entwurf · S. 351

Theorie der Zivilisation (II)

Verhöflichung der Krieger, Triebdämpfung, Psychologisierung, Scham.

Anhang

Wirkung & Rezeption

Später Ruhm, Figurationssoziologie, die Duerr-Kontroverse, Preise, Kritik.

Anhang

Glossar

Soziogenese, Figuration, Monopolmechanismus, Selbstzwang – kompakt erklärt.

So liest sich diese Seite am besten

Wer das Modell zuerst im Ganzen verstehen will, beginnt mit der Einleitung und springt dann zur Synthese (Theorie I und II). Wer Elias’ berühmte Empirie sucht, steigt über das Verhalten bei Tisch ein. Wer die staatssoziologische Achse interessiert, liest Konkurrenz, Monopolmechanismus und Königsmechanismus hintereinander.

Elias’ Buch erschien 1939 in einem winzigen Basler Exilverlag und blieb fast vier Jahrzehnte fast unbeachtet. Erst die Taschenbuchausgabe von 1976 machte es zu einem der einflussreichsten soziologischen Werke des 20. Jahrhunderts.