Über den Prozeß der Zivilisation
Diese Leseseite erschließt Norbert Elias’ Hauptwerk Kapitel für Kapitel – mit Originalzitaten samt Seitenbeleg, Schaubildern, Begriffskarten und einer ausführlichen Seite zu Wirkung und Rezeption. Sie begleitet die Lektüre des Buches, sie ersetzt sie nicht.
Die zentrale These
Elias zeigt an einer Fülle von Anstands- und Manierenbüchern (13. bis 19. Jahrhundert), dass das, was wir »Zivilisation« nennen, kein Zustand und keine bewusste Erfindung ist, sondern ein langfristiger, gerichteter, aber von niemandem geplanter Prozeß. In ihm verwandeln sich äußere Zwänge (Fremdzwang) in verinnerlichte Selbstkontrolle (Selbstzwang): die Scham- und Peinlichkeitsschwelle rückt vor, Affekte werden gedämpft, körperliche Funktionen hinter die Kulissen des gesellschaftlichen Lebens verlagert. Diese Wandlung der Persönlichkeit (Psychogenese, Band 1) ist die Kehrseite eines Wandels der Gesellschaft (Soziogenese, Band 2): der Bildung von Gewalt- und Steuermonopolen, also des Staates.
Aufbau der Leseseite
Band 1 verfolgt die Psychogenese (Wandel des Verhaltens), Band 2 die Soziogenese (Wandel der Gesellschaft) und führt beides im »Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation« zusammen.
Das Programm einer Prozess-Soziologie
Soziogenese und Psychogenese, Figuration, Kritik am »homo clausus«, gerichteter, aber ungeplanter Wandel.
Kapitel I · 1 · S. 1»Kultur« gegen »Zivilisation« in Deutschland
Wie aus einem sozialen Gegensatz (Adel/Bürgertum) ein nationaler wurde.
Kapitel I · 2 · S. 43Die Geburt von »civilisation« in Frankreich
Hofgesellschaft, Physiokraten und das Selbstbewusstsein des Abendlandes.
Kapitel II · 1–3 · S. 65Von der »courtoisie« zur »civilité«
Erasmus, mittelalterliche Umgangsformen und der Umbruch der Renaissance.
Kapitel II · 4 · S. 110Das Verhalten bei Tisch
Messer, Gabel, Serviette – die lange Kurve der Tischsitten.
Kapitel II · 5–8 · S. 174Bedürfnisse, Schneuzen, Spucken, Schlafraum
Das Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsschwelle.
Kapitel II · 9–11 · S. 230Mann und Frau, Angriffslust, Ritter
Sexualität, Gewalt und der mittelalterliche Affekthaushalt.
Band 2 · 3. Kap. · S. 1Mechanismen der Feudalisierung (I)
Zentrifugalkräfte, Bevölkerung, Kreuzzüge – der Beginn der Soziogenese.
Band 2 · 3. Kap. · S. 68Feudalismus, Minnesang und courtoisie
Soziogenese des Feudalismus und der höfischen Umgangsformen.
Band 2 · 3. Kap. · S. 123Soziogenese des Staates: Konkurrenz und Monopol
Das Ausscheidungsprinzip; England, Frankreich, Deutschland im Vergleich.
Band 2 · 3. Kap. · S. 143Der Monopolmechanismus
Das soziologische Herzstück: Konkurrenz → Monopol → Vergesellschaftung.
Band 2 · 3. Kap. · S. 180Königsmechanismus und Steuermonopol
Vom Konkurrenzkreis der Prinzen zur endgültigen Monopolstellung.
Band 2 · Entwurf · S. 312Theorie der Zivilisation (I)
Die große Synthese: der gesellschaftliche Zwang zum Selbstzwang.
Band 2 · Entwurf · S. 351Theorie der Zivilisation (II)
Verhöflichung der Krieger, Triebdämpfung, Psychologisierung, Scham.
AnhangWirkung & Rezeption
Später Ruhm, Figurationssoziologie, die Duerr-Kontroverse, Preise, Kritik.
AnhangGlossar
Soziogenese, Figuration, Monopolmechanismus, Selbstzwang – kompakt erklärt.
So liest sich diese Seite am besten
Wer das Modell zuerst im Ganzen verstehen will, beginnt mit der Einleitung und springt dann zur Synthese (Theorie I und II). Wer Elias’ berühmte Empirie sucht, steigt über das Verhalten bei Tisch ein. Wer die staatssoziologische Achse interessiert, liest Konkurrenz, Monopolmechanismus und Königsmechanismus hintereinander.