Mechanismen der Feudalisierung (I): Zentrifugalkräfte und Bevölkerung
Mit dem zweiten Band wechselt Elias die Blickrichtung. Hatte der erste Band die Psychogenese der Zivilisation verfolgt — die langsame Umformung des Trieb- und Affekthaushalts vom mittelalterlichen Krieger zum höfischen Menschen —, so fragt der zweite nach der Soziogenese: nach jenem Umbau der Gesellschaftsstruktur, ohne den die Verwandlung des Verhaltens nicht zu verstehen ist. Beide Bewegungen sind die zwei Seiten eines Vorgangs. Elias beginnt nicht beim Endzustand, sondern bei dem, was ihm vorausgeht: bei einer geldarmen, naturalwirtschaftlichen Kriegergesellschaft, die aus inneren Gründen zur Dezentralisierung drängt. Auf den ersten Seiten dieses Kapitels entwickelt er die „Entwicklungsmechanik“ der Feudalisierung — und zugleich die Gegenbewegung von Bevölkerungswachstum, Rodung, Kreuzzug und der Bildung neuer gesellschaftlicher Organe, aus der schließlich die Zentralisierung erwächst.
1. Überblick über die höfische Gesellschaft
Elias eröffnet den Band mit einem weiten Panorama. Das ganze Mittelalter hindurch ringen Adel, Kirche und Fürsten um ihre Anteile an Herrschaft und Ertrag; im 12. und 13. Jahrhundert tritt das privilegierte städtische „Bürgertum“ als vierter Partner ins Kräftespiel. So verschieden die Verhältnisse von Land zu Land sind, der Ausgang ist seiner Struktur nach fast immer derselbe: In allen größeren Ländern des Kontinents sammelt sich schließlich in der Hand der Fürsten oder ihrer Repräsentanten eine Macht, der die Stände nicht gewachsen sind. Die „Autarkie der Vielen“ wird Schritt für Schritt zurückgedrängt, die „absolute“ Herrschaft des Einen setzt sich durch — in Frankreich, England und den habsburgischen Landen die des Königs, in den deutschen und italienischen Gebieten die der Territorialherren.
Entscheidend ist Elias' methodische Wendung: Man könne diese Geschichte als Mosaik einzelner Handlungen lesen — wie dieser oder jener Fürst seine Macht vergrößert —, und das habe seine Berechtigung. Aber es gehe um mehr als um das zufällige Zusammentreffen vieler tüchtiger Herrscher. Was sich im „Zeitalter des Absolutismus“ ausdrückt, ist eine Strukturveränderung der abendländischen Gesellschaft im ganzen: nicht einzelne Könige gewinnen an Macht, sondern die soziale Institution des Königs erhält in einer Umbildung der ganzen Gesellschaft ein neues Gewicht.
An die Spitze dieser hierarchischen Ordnung tritt der absolute Herrscher und, im weiteren Umfang, dessen Hof. Mit der Zeit, die wir „Renaissance“ nennen, werden die Höfe zu den eigentlich stilbildenden Zentren des Abendlandes; maßgebend bildet sich die höfische Gesellschaft in Frankreich, und von Paris aus breiten sich Umgangsformen, Geschmack und Sprache über alle anderen Höfe Europas aus. Diese Ausbreitung gelang nicht nur, weil Frankreich das mächtigste Land war, sondern weil überall verwandte gesellschaftliche Formationen entstanden — eine das Abendland umgreifende höfische Aristokratie mit ihrem Zentrum in Paris.
Der Hof ist für Elias mehr als ein Schauplatz: Er ist die soziale Kontrollinstanz, das „modellgebende Prägeorgan“ des menschlichen Verhaltens. Hier werden die „Modelle des friedlicheren Umgangs“ geschaffen, hier werden die rauheren Gewohnheiten der mittelalterlichen Kriegergesellschaft „gemildert“, „poliert“ und „zivilisiert“. Und der Mechanismus, der das erzwingt, ist nicht Einsicht, sondern Druck: die Konkurrenz um die Gunst des Fürsten, die Nötigung, sich mit friedlichen Mitteln — durch Intrigen und Diplomatie statt durch das Schwert — zu behaupten.
Damit ist die Leitfrage des ganzen Kapitels gestellt: Warum trat an die Stelle einer Oberschicht relativ unabhängiger Krieger eine pazifizierte Oberschicht von Höflingen? Warum wurde das Mitbestimmungsrecht der Stände Schritt für Schritt zurückgedrängt? Um das zu beantworten, muss Elias weit zurückgehen — zu jener Phase, in der die Zentralgewalt gerade nicht stark war, sondern beständig zerfiel.
2. Kurze Vorschau auf die Soziogenese des Absolutismus
Bevor Elias die langsame Mechanik im Detail entfaltet, gibt er eine geraffte Vorschau auf die wichtigsten Hebel, die der Zentralgewalt am Ausgang des Mittelalters wachsende Chancen zuführten. Sie sind in allen größeren Ländern ähnlich und treten am klarsten in der Entwicklung des französischen Königtums hervor. Der erste Hebel ist die allmähliche Vergrößerung des geldwirtschaftlichen Sektors auf Kosten des naturalwirtschaftlichen. Je mehr Geld in Umlauf kommt, desto stärker steigen die Preise — und desto schlechter steht, wer von festen Renten lebt. Genau das aber ist der Feudaladel.
| Gruppe | Einkommensquelle | Wirkung der Geldwirtschaft |
|---|---|---|
| Feudaladel | feste Renten von Gütern | Entwertung: Einkommen bleibt nominal, verliert real an Kaufkraft |
| Bürgertum (Teile) | Handel, Verdienst | begünstigt: Einnahmen wachsen mit dem Verdienst mit |
| Zentralherr / König | Steuern auf das ganze Gebiet | begünstigt: zieht von jedem Verdienst einen Teil an sich |
Den dramatischen Wertverfall belegt Elias mit einer Zahlenreihe: Ein Vermögen, das um 1200 noch 22 000 Franken wert war, sank bis 1300 auf 16 000, bis 1400 auf 7 500, bis 1500 auf 6 500 Franken; im 16. Jahrhundert beschleunigte sich die Bewegung, der Wert fiel auf 2 500 Franken. Allein von Franz I. bis 1610 entwertete sich das französische Pfund etwa im Verhältnis 100 : 19,67. Während Bürgertum und Zentralgewalt stiegen, sanken die Einnahmen des übrigen Adels. Ein Teil der Ritter verarmte, ein anderer griff zu Raub und Gewalt, wieder andere verkauften langsam ihre Güter — und ein guter Teil trat in die Dienste der Könige, „die bezahlen konnten“.
Der zweite Hebel ist die militärische Überlegenheit, die mit der finanziellen Hand in Hand geht. Wer über die Steuern eines ganzen Landes verfügt, kann mehr Krieger mieten als jeder andere und wird unabhängig vom Lehnsdienst seiner Vasallen. Voraussetzung dafür ist neben der Ergiebigkeit der Steuern ein „Überangebot von Menschen“ — jene Disproportionalität, die Elias kühn mit dem modernen Begriff der „Arbeitslosigkeit“ vergleicht. Überschussgebiete wie die Schweiz und Teile Deutschlands lieferten Söldner an jeden, der zahlte. Hinzu kommt die Kriegstechnik: Mit der Feuerwaffe wird die zu Fuß kämpfende „unedle Masse“ der berittenen Ritterschaft überlegen — das Waffenmonopol des Adels bricht.
Den dritten Faktor nennt Elias das „labile Gleichgewicht“. Weder Adel noch Bürgertum sind auf Dauer stark genug, einander zu überwältigen; gerade aus dieser dauernden Spannung schöpft die Zentralgewalt ihre Chance. Es gehört zu den strukturellen Voraussetzungen des absoluten Fürstentums, dass keiner der beiden Stände die Oberhand gewinnt. Wo das Gleichgewicht verloren ging — etwa weil sich adlige und bürgerliche Spitzengruppen verbündeten —, war die Unumschränktheit gefährdet oder, wie in England, „zum Untergang verurteilt“. Die absoluten Herrscher mussten, ob bewusst oder nicht, auf dieser „gesellschaftlichen Apparatur“ spielen, die sie nicht geschaffen hatten und die ihre eigene Existenz trug.
3. Über die Entwicklungsmechanik der Gesellschaft
Mit dem dritten Abschnitt beginnt der eigentliche „Erste Teil — Mechanismen der Feudalisierung“. Elias setzt bei einem Vergleich an: Um die Mitte des 17. Jahrhunderts erscheint der König von Frankreich besonders stark gegenüber dem englischen König und erst recht dem deutschen Kaiser. Doch am Ausgang der Karolingerzeit war die Konstellation beinahe umgekehrt. Daraus zieht er eine grundlegende Warnung: Nichts berechtigt dazu, „von vornherein eine Zwangsläufigkeit“ für diese Unterschiede anzusetzen. Solange die Verflechtung der späteren Nationen gering ist, hängt vieles von Glück und Unglück Einzelner ab; erst mit zunehmender Verflechtung größerer Bezirke zeichnen sich Gesetzmäßigkeiten ab, die der Willkür Einzelner Schranken setzen.
Der Kern der Mechanik liegt in der Wirtschaftsform. Das Reich Karls des Großen war durch Eroberung zusammengebracht; die elementare Funktion des Herrschers war die des siegreichen Heerführers. Da Geld kaum vorhanden war, konnte der König seine Beauftragten nicht besolden — er bezahlte ihre Dienste mit Boden. Pfalzgrafen, Herzöge und Grafen ernährten sich und ihr Gefolge von dem Land, mit dem sie belehnt waren, und vereinten in ihrer Hand alle Herrschaftsfunktionen: militärische, polizeiliche, gerichtliche. Eben diese Apparatur erzeugte aber eine typische, sich ständig wiederholende Spannung.
Denn wer einmal über ein Gebiet verfügte, war auf den Zentralherrn kaum noch angewiesen — solange kein äußerer Feind drohte. Bei jedem Zeichen von Schwäche der Zentralgewalt suchten er oder seine Nachkommen, das verliehene Gebiet wie erbliches Eigentum zu behandeln. Die ausgeschickten Repräsentanten verwandeln sich in Territorialherren; das verliehene Lehen wird erblich; das Land entgleitet der Verfügungsgewalt des Königs. Diese „stehende Figur“ wiederholt sich von der Merowinger- über die Karolingerzeit hinweg — Elias zeigt sie an Karl dem Großen, der seine „missi dominici“ aussendet, deren Amt aber schon unter Ludwig dem Frommen erblich zu werden beginnt.
Den Begriff für diesen Vorgang liefert die Forschung selbst. Elias zitiert die Historiker, die die Feudalisierung gerade nicht als bewussten Plan, sondern als „Naturgeschehen“ der Geschichte begreifen — und macht sich diese Wendung kritisch zu eigen: Sie dürfe nur nicht so verstanden werden, als sei die „Feudalisierung“ eine außenstehende Ursache. Vielmehr ist sie der Name für das Bündel der Teilprozesse selbst.
Der Schlüsselbegriff dieses Abschnitts ist die Naturalwirtschaft. Elias warnt davor, sie als bloßen Gegensatz zur Geldwirtschaft zu denken; beide sind keine starren „Wirtschaftsformen“, sondern Beschreibungen dafür, wie Menschen aneinander gebunden sind. Naturalwirtschaft meint eine Gesellschaft, in der der Weg eines Gutes vom Erzeuger zum Verbraucher kurz ist — ohne lange Zwischenkette, mit Verarbeitung im Haus. Geld ist dann „nichts anderes als ein Instrument“, das gebraucht wird, sobald diese Ketten länger werden. Solange aber die kurzen Ketten herrschen, fehlt die wirtschaftliche Verflechtung, die große Gebiete dauerhaft aneinander bindet — und damit jede Handhabe für ein stabiles Zentralorgan.
4. Zentralisierende und dezentralisierende Kräfte
Den Kern der Mechanik bildet das Bild zweier entgegengesetzter Kräfte. Zentripetal wirkt die Funktion des Herrschers als Heerführer: Solange ein äußerer Feind droht und neue Böden zu erobern sind, sammelt sich die Macht beim König, der das eroberte Land neu verteilt und so seine Gefolgsleute an sich bindet. Zentrifugal wirkt die Eigenlogik des Lehens: In Friedenszeiten, wenn man des Heerführers nicht bedarf, betrachtet jeder, der über ein Stück Boden verfügt, sich als Herrn auf eigenem Grunde — das Land entgleitet der Zentrale. Elias unterscheidet dementsprechend zwei Phasen, die einander ablösen: die Phase der erobernden und die der bewahrenden Herrscher.
Elias führt den Kontrast an Deutschland und Frankreich vor. Im ostfränkischen Reich treten die Herrscher immer wieder als Heerführer gegen andrängende Stämme hervor — die Sachsenkaiser Heinrich I. und Otto schlagen Ungarn, Wenden und Slawen zurück und gewinnen damit zugleich jenes kriegerische Ansehen, das die zentrifugalen Tendenzen im Innern niederhält. Im westfränkischen Gebiet dagegen fällt diese Funktion früh aus: Nach der Niederlassung der Normannen droht kaum noch ein äußerer Feind, und jenseits der Grenzen ist kein freier Raum zur Eroberung mehr. So beschleunigt sich gerade hier der Zerfall.
Die letzten westfränkischen Karolinger zeigen den Mechanismus im Reinzustand: Um Hilfe zu gewinnen, mussten sie Böden verlehnen; jede Vergabe verringerte den eigenen Hausbesitz; je weniger Boden, desto kleineres Gefolge; je schwächer der König, desto weniger Vasallen folgten ihm. Ludwig IV. heißt darum nur noch „le roi de Laon“ — vom ganzen Hausgut blieb ihm kaum mehr als die Veste Laon. Alles, was die Karolinger zu ihrer Stärkung taten, kehrte sich gegen sie. Selbst Hugo Capet ist, als ihm die Krone zufällt, ein „simpler Baron“, dessen königliche Domäne kaum vier oder fünf heutige Departements umfasst — weniger mächtig als mancher seiner großen Vasallen.
Hier wird Elias' entscheidende Pointe greifbar: Dieselbe Gesetzlichkeit, die das westfränkische Reich zunächst radikaler zerfallen lässt, führt es später zur frühesten Reintegration. In Deutschland verfestigen sich die Territorialherrschaften — auch weil hohe Geistliche zu weltlichen Territorialherren werden und am Schwachbleiben der Zentralgewalt interessiert sind. In Frankreich dagegen bleiben die Bischöfe, deren Besitz verstreut liegt, um ihres eigenen Schutzes willen an einer starken Krone interessiert. Aus dem tiefsten Zerfall des kleineren Gebiets erwächst so der stetige Wiederaufstieg der französischen Zentralgewalt von den Kapetingern über die Valois zu den Bourbonen.
| Ostfränkisch / Deutsches Reich | Westfränkisch / Frankreich | |
|---|---|---|
| Äußere Bedrohung | lange anhaltend (Ungarn, Slawen) | früh erloschen (Normannen sesshaft) |
| Heerführer-Funktion des Königs | immer neu gefordert → stärkt Zentrum | fällt früh aus → Zerfall |
| Freier Raum zur Eroberung | im Osten vorhanden | fehlt jenseits der Grenzen |
| Hohe Geistliche | werden weltliche Territorialherren | bleiben Verbündete der Krone |
| Langfristige Folge | Verfestigung der Territorien | frühe Reintegration um ein Zentrum |
5. Bevölkerungszunahme nach der Völkerwanderung
Hatte der vorige Abschnitt erklärt, warum die naturalwirtschaftliche Gesellschaft zerfällt, so fragt Elias nun nach dem Motor, der die Gegenbewegung in Gang setzt. Er findet ihn nicht in einer einzelnen „ersten Ursache“, sondern im Wechselspiel der Faktoren — und unter ihnen ragt einer heraus: die Vermehrung der Bevölkerung. Sie ist, betont er ausdrücklich, nicht für sich allein die Ursache der geschichtlichen Bewegung; aber sie ist ein „wichtiges, nie außer acht zu lassendes Element“, das das Zwingende der gesellschaftlichen Kräfte besonders unzweideutig demonstriert.
Den Hintergrund bildet die Völkerwanderung. Bis ins 8. und 9. Jahrhundert dringen in immer neuen Schüben Stämme von Osten, Norden und Süden gegen das ältere Siedlungsland vor: die Araber bis an die Südgrenze des Frankenreichs, die slawischen Stämme bis an die Elbe. Dann ebbt die Bewegung ab. Die wandernden Stämme werden sesshaft, ein Kranz besiedelter Gebiete bildet sich auch in den großen Binnenräumen Europas — und eine neue Lage entsteht.
Elias klärt sorgfältig den Begriff der „Übervölkerung“: Gemeint ist nicht eine absolute Menschenzahl, sondern ein Wachstum, bei dem — gemessen am bestehenden Gesellschaftsaufbau und Bedürfnisstandard — für immer weniger Menschen die Befriedigung ihrer Standardbedürfnisse möglich ist. Es ist also stets eine gesellschaftliche Überbevölkerung, relativ zur Wirtschaftsform. In einer naturalwirtschaftenden Gesellschaft mit extensiven Anbaumethoden tritt sie weit früher ein als in einer industrialisierten. Ihre Symptome aber sind im Großen immer dieselben: wachsende innere Spannungen, stärkere Abschließung der „Habenden“ gegen die „Nichthabenden“, verstärkter Druck auf Nachbargebiete und ein Antrieb zur Auswanderung und Eroberung.
Diese Symptome zeigen sich zuerst im westfränkischen Gebiet — gerade weil hier die äußere Bedrohung früh nachließ. Vom Ende des 10. Jahrhunderts an, stärker im 11., wird der Druck auf den Boden sichtbar: Wälder werden gerodet, Sumpfgebiete in Ackerland verwandelt. Etwa von 1050 bis gegen 1300 erlebt Frankreich das „große Zeitalter der Rodung“, der Eroberung neuer Erde im Innern. Doch die Binnenkolonisation reicht nicht aus, um die Bodenknappheit zu beheben — und damit ist die Brücke zur äußeren Expansion geschlagen.
6. Kreuzzüge, Binnenkolonisation und neue Organe
Aus dem Bevölkerungsdruck lässt Elias die große Ausbreitungsbewegung des Abendlandes hervorgehen — und liest die Kreuzzüge bewusst „soziogenetisch“. Da die Rodung im Innern nicht ausreicht, muss man außerhalb der Grenzen nach neuen Böden suchen. Die Beispiele sind anschaulich: Acht von zwölf Söhnen des kleinen normannischen Seigneurs Tancred de Hauteville ziehen nach Süditalien, weil sie sich vom väterlichen Boden nicht alle standesgemäß ernähren können — und am Ende steht ein normannisches Feudalreich. „Das Ganze war nicht eigentlich geplant“, kommentiert Elias: Am Anfang stehen Druck und verschlossene Chancen in der Heimat, am Ende wird ein Reich daraus.
Die Kreuzzüge selbst deutet Elias als eine spezifische Form dieser Expansion. Der gesellschaftliche Druck liefert die bewegende Kraft; die Kirche lenkt sie und gibt der Not ein Ziel jenseits Frankreichs. Beides gehört zusammen — ohne kirchliche Lenkung wäre die Bewegung kaum gerade ins Heilige Land gegangen, ohne den sozialen Druck wäre sie gar nicht zustande gekommen.
Das Besondere dieser ersten Phase — und ihr Unterschied zu späteren — liegt darin, dass sich auch die Oberschicht rasch vermehrt: Es bildet sich nicht nur eine „Reservearmee“ der arbeitenden Unfreien, sondern auch eine der Ritter — besitzlose oder zu besitzarme „jüngere Söhne“, „Habenichtse“, die als Kreuzritter, Bandenführer und Soldritter auftreten und schließlich das Material der ersten stehenden Heere bilden. Der Wahlspruch „Kein Boden ohne Seigneur“ ist für Elias mehr als ein Rechtssatz: Er ist die soziale Parole eines Kriegerstandes, der allen verfügbaren Boden in Besitz nehmen will.
Bemerkenswert ist, wie Elias hier das angebliche Sondermerkmal des „Kapitalismus“ relativiert. Auch die mittelalterliche Kriegergesellschaft kennt ein Erwerbsstreben — nur richtet es sich nicht auf Geld, sondern auf Boden. Da politische, militärische und ökonomische Funktionen noch ungeschieden sind, ist der an Boden Reichste zugleich der militärisch Mächtigste und der Herrscher. So hält ein einfacher Mechanismus auch die reichen Ritter in Bewegung: In einem labil ausbalancierten System von Herrschaften bedeutet der Landgewinn des einen eine Gefahr für alle anderen — wer nicht mitkämpft, während die anderen wachsen, bleibt notwendig schwächer zurück. Eindringlich zeigt das die Eroberung Englands durch den Normannenherzog 1066, der den englischen Boden bewusst verstreut verteilt, um zentrifugale Großterritorien zu verhindern.
Der zweite, nach innen gerichtete Strom führt zur Differenzierung der Arbeit. Die vom Boden abgedrängten Unfreien bilden das „Material der werdenden Städte“. Aus unorganisierten Einzelnen werden, durch ihren Zusammenschluss erstarkt, Kommunen, die sich in oft blutigen Kämpfen eigene Rechte erstreiten — Elias reiht die Daten auf: Cremona 1030, Mailand 1057, Cambrai 1077, Laon 1112, St. Omer 1127. Neben „ceux qui prient“ und „ceux qui combattent“ tritt nun „ceux qui travaillent“ als dritter Stand von Freien hervor.
Mit den Städten, den größeren Märkten und den längeren Tauschketten wächst der Bedarf an einem mobilen, einheitlichen Tauschmittel: Geld. Elias formuliert dafür sein vielleicht schönstes Bild — das Geld als „Inkarnation des gesellschaftlichen Gewebes“, als Symbol für das Geflecht der Menschenketten, in die ein Gut auf seinem Weg vom Naturalzustand zur Konsumtion gerät. Man braucht es erst, wenn sich längere Ketten bilden — also bei einer bestimmten Bevölkerungsdichte und Verflechtung. Die Frage nach der Herkunft des Geldes ist darum weniger wichtig als die Frage, warum sein Bedarf wieder wächst.
Den Abschluss bildet ein scheinbar unscheinbares, für Elias aber entscheidendes Detail: die Transporttechnik. Solange das Pferdegeschirr über die Gurgel lief und der genagelte Eisenhuf fehlte, war das Pferd als Zugtier für schwere Lasten ungeeignet; der Landtransport blieb teuer, der Fernhandel auf das Wasser beschränkt. Vom 10. Jahrhundert an ändert sich das: Die Zuglast wandert von der Gurgel auf die Schultern, das Hufeisen erscheint, im 13. Jahrhundert ist die moderne Zugtechnik geschaffen. Elias misst dieser Neuerung dieselbe Bedeutung bei wie später der Maschinentechnik — sie ist die materielle Voraussetzung dafür, dass sich die Binnenräume Europas zu einem dichten Netz von Verflechtung verknüpfen.
Begriffe dieses Kapitels
Die Entstehung der Gesellschaftsstruktur — hier der zentralisierten Herrschaft — aus den ungeplanten Verflechtungsprozessen; das Gegenstück zur Psychogenese des Verhaltens in Band 1.
Gesellschaftsform mit kurzen Tauschketten: Das Gut geht fast unmittelbar vom Erzeuger zum Verbraucher, jede Einheit ist weithin autark; Geld wird kaum gebraucht.
Der ungeplante Übergang von Land und Ämtern aus der Verfügung des erobernden Zentralherrn in die erbliche Verfügung der Kriegerkaste; Folge zentrifugaler Kräfte.
Nach außen (Zerfall, Verselbständigung der Lehen) bzw. nach innen (Heerführung, Eroberung, Neuverteilung) wirkende Tendenzen im Herrschaftsapparat.
Die wechselseitige Abhängigkeit größerer Menschenmengen durch Arbeitsteilung, Markt und Transport; sie steigt mit Differenzierung und Geldgebrauch und trägt erst stabile Zentralorgane.
Kein absoluter Wert, sondern ein Wachstum, bei dem — relativ zu Wirtschaftsform und Standard — immer weniger Menschen ihre Bedürfnisse befriedigen können; Motor von Rodung und Kolonisation.