Elias · Prozeß der Zivilisation
Bd. 2 · Zweiter Teil III–IV · S. 143–179

Der Monopol­mechanismus

Das soziologische Herzstück: freie Konkurrenz → Monopolbildung → Vergesellschaftung

Mit dem Kapitel „Über den Monopolmechanismus“ betreten wir das theoretische Zentrum des ganzen Werks. Was Elias in den vorangehenden Teilen als Verfeinerung der Manieren, als Verschiebung der Scham- und Peinlichkeitsschwellen, als Umbau des Affekthaushalts beschrieben hat, bekommt hier seinen gesellschaftlichen Unterbau. Denn die Zivilisierung der Menschen ist für Elias kein Selbstlauf des Geistes, sondern die psychische Kehrseite eines handfesten strukturellen Vorgangs: der Bildung von Monopolen der körperlichen Gewalt und der Steuern, also der Entstehung dessen, was wir „Staat“ nennen. Auf diesen rund vierzig Seiten formuliert Elias ein soziologisches Gesetz — den Monopolmechanismus — und zeigt es zugleich an der konkreten Geschichte des werdenden Frankreich. Diese Seite folgt seinem Gedankengang Schritt für Schritt: vom abstrakten Schema der Ausscheidungskonkurrenz über den Umschlag des privaten Sieger­monopols in ein öffentliches bis zu den frühen Vormachtkämpfen zwischen Kapetingern und Plantagenets.

1. Das Gesetz der Monopolbildung

Elias eröffnet das Kapitel mit einer präzisen Definition dessen, was einen „Staat“ ausmacht. Nicht jede Herrschaft ist schon ein Staat; entscheidend ist die Verbindung zweier Monopole — des Gewalt- oder Militärmonopols und des Steuer­monopols — mit einer dauerhaften, spezialisierten Verwaltungs­apparatur. Erst diese Apparatur verleiht der Verfügung über Heer und Abgaben ihren vollen, dauerhaften Monopolcharakter.

„Erst mit der Herausbildung dieses beständigen Monopols der Zentralgewalt und dieser spezialisierten Herrschaftsapparatur nehmen die Herrschaftseinheiten den Charakter von ‚Staaten‘ an.“ — Bd. 2, S. 143

Bemerkenswert ist die Folgerung, die Elias daraus zieht: Sobald diese beiden Schlüsselmonopole gesichert sind, verändert sich der Charakter der sozialen Kämpfe von Grund auf. Es geht dann nicht mehr darum, ob das Herrschaftsmonopol überhaupt bestehen soll, sondern nur noch darum, wer über den Apparat verfügt und wie seine Lasten und Erträge verteilt werden.

„Die sozialen Kämpfe gehen nun nicht mehr um die Beseitigung des Herrschaftsmonopols, sondern nur um die Frage, wer über die Monopolapparatur verfügen soll, woher sie sich rekrutieren und wie ihre Last und ihr Nutzen verteilt werden soll.“ — Bd. 2, S. 143

Diese beiden Monopole sind, wie Elias betont, die Schlüsselmonopole: An sie kristallisiert sich eine Reihe weiterer an, doch sie selbst tragen das Ganze. „Wenn sie verfallen, verfallen alle anderen, verfällt der ‚Staat‘“ (Bd. 2, S. 143). Damit ist der Gegenstand des Kapitels umrissen: Es gilt zu erklären, wie und warum es zu dieser Monopolbildung kommt — nicht als historischer Zufall, sondern als gesetzmäßiger Vorgang. In der Gesellschaft des 9., 10. und 11. Jahrhunderts, so Elias, ist das Monopol entschieden noch nicht vorhanden; jeder Krieger, der über ein Stück Boden verfügt, übt zunächst selbst alle jene Herrschaftsfunktionen aus, die später eine Zentralgewalt an sich zieht. Krieg und Bodenerwerb sind, „um in der Sprache einer späteren Zeit zu reden, der ‚Privatinitiative‘ überlassen“ (Bd. 2, S. 143).

Kernidee. Der Staat ist für Elias nicht der Ausgangspunkt, sondern das Ergebnis eines langen Prozesses. Aus einer Vielzahl frei konkurrierender Krieger­häuser geht durch Ausscheidungskämpfe nach und nach ein einziger Monopol­herr hervor — und erst die dauerhafte Verwaltung dieses Sieger­monopols der Gewalt und der Abgaben macht aus einer Herrschaftseinheit einen „Staat“. Soziogenese des Staates heißt: zeigen, wie das Selbstverständliche geworden ist.

Wichtig ist die Unterscheidung der Kampfmittel. Der Konkurrenzkampf des 11. Jahrhunderts wird mit „den Mitteln kriegerischer und wirtschaftlicher Gewalt“ geführt — zum Unterschied von den Konkurrenzkämpfen des 19. Jahrhunderts, die kraft der staatlichen Gewaltmonopole „nun ausschließlich mit den Mitteln wirtschaftlicher Gewalt geführt werden“ (Bd. 2, S. 144). Genau deshalb lohnt der Blick zurück: Die frühen Bodenkämpfe sind die Voraussetzung der späteren ökonomischen, und das Zentrum beider Bewegungen ist dasselbe — „die Akkumulation des jeweils wichtigsten Produktionsmittels &dots; in immer weniger Händen, dort die Akkumulation von Böden, hier die Akkumulation von Geld“ (Bd. 2, S. 144).

Zwei Monopole tragen den Staat: das Gewaltmonopol und das Steuermonopol. Alles andere kristallisiert sich an ihnen.

2. Der freie Konkurrenzkampf und seine Eigendynamik

Im Herzstück des Kapitels formuliert Elias den Monopolmechanismus als ein Gesetz großer Wahrscheinlichkeit. Er denkt dabei zunächst völlig abstrakt: Man stelle sich eine große gesellschaftliche Einheit vor, in der viele annähernd gleich starke kleinere Einheiten frei — das heißt ungehindert durch schon bestehende Monopole — um knappe Chancen konkurrieren. Was geschieht dann?

„&dots; dann besteht eine sehr große Wahrscheinlichkeit dafür, daß einige siegen, andere unterliegen und daß als Folge davon nach und nach immer weniger über immer mehr Chancen verfügen, daß immer mehr aus dem Konkurrenzkampf ausscheiden müssen und in direkte oder indirekte Abhängigkeit von einer immer kleineren Anzahl geraten.“ — Bd. 2, S. 144

Das Menschengeflecht nähert sich, so Elias, „falls keine hemmenden Anordnungen getroffen werden können, einem Zustand, bei dem die faktische Verfügungsgewalt über die umkämpften Chancen in einer Hand liegt“; aus einem System mit „offeneren Chancen“ wird so ein System mit „geschlosseneren Chancen“ (Bd. 2, S. 145). Das zugrunde liegende Schema ist verblüffend einfach. Man nehme eine feste Zahl von Menschen und eine knappe Zahl von Chancen. Kämpft zunächst je einer mit je einem anderen, so ist die Wahrscheinlichkeit, daß sich alle Paare „unendlich lange in dieser Gleichgewichtslage halten“, verschwindend gering. Früher oder später siegt einer — und dann beginnt die Spirale.

Ausscheidungskonkurrenz — der Trichter viele Gleichstarke freie Konkurrenz Sieger sammeln Chancen wenige Große Monopol — einer verfügt
Das einfache Schema des Monopolmechanismus: Aus vielen annähernd Gleichstarken werden durch wiederholte Ausscheidungskämpfe immer wenigere, bis im „optimalen Fall“ ein Einzelner über alle Chancen verfügt (nach Bd. 2, S. 145).
„&dots; eine noch kleinere Anzahl von Menschen verfügt über eine noch größere Anzahl von Chancen; eine noch größere Anzahl von Menschen ist aus dem freien Konkurrenzkampf ausgeschieden; und der Vorgang wiederholt sich bis schließlich im optimalen Fall ein Einzelner über alle Chancen verfügt und alle Anderen von ihm abhängig sind.“ — Bd. 2, S. 145

Elias ist Soziologe genug, um sogleich einzuräumen, daß die geschichtliche Wirklichkeit komplizierter und voller Variationen ist. Nicht einzelne Menschen, sondern ganze Gesellschaftsverbände — Territorien, später Staaten — geraten in diesen Verflechtungsmechanismus. Häufig schließt sich eine Reihe Schwächerer zusammen, um einen zu mächtig gewordenen Einzelnen niederzukämpfen; gelingt es, geht der Kampf um die Vormacht unter ihnen selbst weiter. Doch der Effekt bleibt derselbe: „Auch auf diesem Wege tendiert das System dazu, durch eine Reihe von Ausscheidungs­kämpfen hindurch früher oder später einer immer kleineren Anzahl Menschen eine immer größere Anzahl Chancen in die Hände zu spielen“ (Bd. 2, S. 146).

Hier schlägt Elias die Brücke zur Psychogenese. Wenn an die Stelle relativ unabhängiger Funktionen mehr und mehr abhängige treten — an die Stelle freier Ritter höfische Ritter und schließlich Höflinge, an die Stelle freier Kaufleute abhängige Kaufleute und Angestellte —, dann verändert sich notwendig auch „die Affektmodellierung, der Aufbau des Triebhaushalts und des Denkens, kurzum der ganze, soziogene Habitus“ (Bd. 2, S. 146). Der Monopolmechanismus ist damit kein bloß politisches, sondern ein psychisches Geschehen: Er formt die Menschen, die ihm unterliegen, ebenso wie jene, die sich der Monopolstellung nähern.

Jeder freie Konkurrenzkampf tendiert zur Monopolbildung — nicht mit Notwendigkeit im Einzelfall, aber mit großer Wahrscheinlichkeit im Ganzen der Bewegung.

3. Von der Akkumulation zum Monopol

Das eigentlich Überraschende an Elias’ Theorie ist die Wendung, die der Prozeß nach seinem Sieg nimmt. Man könnte meinen, am Ende stünde schlicht ein allmächtiger Herr und eine Masse Ohnmächtiger. Doch genau das ist nicht der Fall. Elias warnt ausdrücklich vor diesem Kurzschluß: Der Prozeß ist „keineswegs so zu verstehen, als ob in seinem Verlauf einfach immer weniger ‚frei‘ und immer mehr ‚gebunden‘ werden“ (Bd. 2, S. 147). Vielmehr schlägt die Abhängigkeit von einer bestimmten Phase ab „auf eigentümliche Weise um“.

„Je mehr Menschen durch das Spiel des Monopolmechanismus in Abhängigkeit geraten, desto größer wird die gesellschaftliche Stärke zwar nicht der einzelnen Abhängigen, aber der Abhängigen als eines Ganzen im Verhältnis zu den wenigen oder dem einen Monopolisten &dots;“ — Bd. 2, S. 147

Der Grund ist eine schlichte funktionale Tatsache: Je mehr Land, Soldaten oder Geld sich in einer Hand sammelt, desto weniger ist es für den Einzelnen übersehbar, desto sicherer wird er „durch sein Monopol selbst auf immer mehr Andere angewiesen, desto stärker wird er von dem Geflecht seiner Abhängigen abhängig“ (Bd. 2, S. 147). Der Sieger wird zum Gefangenen seines eigenen Erfolgs. Sein Herrschaftsfeld entwickelt ein „Eigengewicht“ und eine „Eigengesetzlichkeit“, denen er sich fügen muß, will er nicht den Apparat in Unordnung geraten lassen.

„Je umfassender und je arbeitsteiliger mit anderen Worten ein Monopolbesitz wird, desto sicherer und desto ausgeprägter strebt er einem Punkt zu, bei dem der oder die Monopolherren zu Zentralfunktionären eines funktionsteiligen Apparats werden, mächtiger vielleicht als andere Funktionäre, aber kaum weniger abhängig und gebunden als sie.“ — Bd. 2, S. 148

Damit ist der entscheidende Begriff gefallen: Von einem „optimalen Punkt der Besitzgröße“ ab tendiert die Verfügungsgewalt dazu, „den Händen der Monopolherren zu entgleiten und in die Hände der Abhängigen als eines Ganzen &dots; überzugehen“ (Bd. 2, S. 148). Elias fasst das in einer Formel von großer Tragweite zusammen, die den Übergang zum nächsten Abschnitt markiert.

Der Umschlag. „Das Privatmonopol Einzelner vergesellschaftet sich; es wird zu einem Monopol ganzer Gesellschaftsschichten, zu einem öffentlichen Monopol, zum Zentralorgan eines Staates“ (Bd. 2, S. 148). Was einer erkämpft hat, wird zur Verwaltungsaufgabe vieler. Der absolute Herr ist am Ende dieser Entwicklung selbst der am stärksten Gebundene — ein Funktionär unter Funktionären.
Der Monopolherr siegt — und wird durch seinen Sieg vom Apparat abhängig, den sein Sieg geschaffen hat.

4. Privatmonopol und öffentliches Monopol (Vergesellschaftung)

Elias illustriert den Umschlag vom privaten zum öffentlichen Monopol an einem einleuchtenden Beispiel: dem Staatshaushalt. Dieser entwickelt sich aus dem „Privathaushalt“ feudaler Herrscherhäuser. Anfangs gibt es noch gar keine Scheidung zwischen „öffentlichen“ und „privaten“ Einnahmen: Aus den Einkünften des Domanialbesitzes werden Hofhalt, Jagden und Geschenke des Herrschers „in genau der gleichen Weise“ bestritten wie die Verwaltung und die Soldtruppen (Bd. 2, S. 149). Selbst als aus dem Bodenmonopol „mit dem Gewaltmonopol zugleich ein Geldabgaben- oder Steuermonopol geworden ist“, verfügt der Zentralherr „zunächst weiter darüber, wie über ein persönliches Einkommen seines Hauses“ (Bd. 2, S. 149).

Doch dieser Spielraum schwindet. Selbst der absolute Herrscher „mit seiner scheinbar uneingeschränkten Verfügungsgewalt“ steht in Wahrheit „bereits in außerordentlich hohem Maße unter dem Druck, unter dem Gesetz und in funktioneller Abhängigkeit von der Gesellschaft, die er beherrscht“ (Bd. 2, S. 150). Am Ende, in der reifen Vergesellschaftung, schlägt sich das im Budget nieder:

„Der Inhaber der Zentralgewalt, welchen Titel immer er tragen mag, bekommt im Budget eine Summe zugewiesen, wie jeder andere Funktionär &dots; aus dem privaten Herrschaftsmonopol ist ein öffentliches Herrschaftsmonopol geworden, selbst wenn es ein Einzelner als Funktionär der Gesellschaft in Händen hat.“ — Bd. 2, S. 150

Hinter diesem Vorgang steht für Elias kein moralischer Fortschritt, sondern eine strukturelle Notwendigkeit: die wachsende Funktionsteilung. Erst in Gesellschaften mit sehr weitgehender Arbeitsteilung ist die Tätigkeit jedes Einzelnen von der vieler anderer abhängig, und erst hier wird das Gewicht dieser ineinander verflochtenen Interessen so groß, „daß sich auch die Wenigen, die über riesige Chancen monopolistisch verfügen, seinem Druck und seiner Gewalt nicht entziehen können“ (Bd. 2, S. 151). Die Tendenz der Schlüsselmonopole, aus privaten zu öffentlichen zu werden, ist deshalb „nichts anderes als eine Funktion der gesellschaftlichen Interdependenz“ (Bd. 2, S. 152).

Die zwei Phasen des Monopolmechanismus Phase 1: Privatmonopol freie Konkurrenz · Ausscheidung Akkumulation in immer wenigeren Händen → einer siegt: Sieger- monopol als „Privatbesitz“ Umschlag am optimalen Punkt Phase 2: öffentliches Monopol Verfügung entgleitet dem Einen → geht an die Abhängigen als ein Ganzes über Vergesellschaftung · Budget Herr wird Zentralfunktionär
Vom erkämpften Privatmonopol zum vergesellschafteten öffentlichen Monopol: Der Treiber des zweiten Schubs ist die wachsende Funktionsteilung (Bd. 2, S. 148–157).

In Gesellschaften mit geringer Interdependenz führt der Vergesellschaftungsschub allerdings noch nicht zum öffentlichen Monopol, sondern entweder zu „Anarchie“, zum Zerfall des Monopols oder zu seiner Aneignung durch eine Oligarchie statt durch einen Einzelnen. Erst „im Zuge der wachsenden, gesellschaftlichen Interdependenz aller Funktionen wird es möglich, Monopole, auch ohne sie aufzulösen, der willkürlichen Nutzung durch einige Wenige ganz zu entziehen“ (Bd. 2, S. 152). Elias notiert mit charakteristischer Distanz, daß uns heute das „staatliche“ oder „öffentliche“ Wesen der Schlüsselmonopole selbstverständlich erscheint, „obwohl sie das früher durchaus nicht waren“ (Bd. 2, S. 152) — ein Schritt in der angegebenen Richtung, der erst die Soziogenese sichtbar macht.

Privatmonopol und öffentliches Monopol im Vergleich (nach Bd. 2, S. 148–157)
MerkmalPhase 1: PrivatmonopolPhase 2: öffentliches Monopol
Verfügungsgewaltin der Hand eines Einzelnen / weniger SiegerFunktion des interdependenten Menschengeflechts
Kampfmittelkriegerische und wirtschaftliche Gewaltgeregelte, „gebundene“ Konkurrenz ohne Waffengewalt
Verteilung der Erträgenach persönlicher Gunst, im „Belieben“ des Herrnnach unpersönlichem Plan, durch Verteilungsschlüssel
Stellung des Monopolherrnscheinbar unumschränkter HerrZentralfunktionär, vom Apparat abhängig
Kontrollekeine; persönliche Initiative entscheidetfeste Institutionen, „demokratisches Regime“
Voraussetzungrelativ gleiche Stärke vieler Einheitenreiche und wachsende Funktionsteilung

Aus diesem Gegenüber gewinnt Elias seine vielleicht provokanteste These: Das, was wir ein „demokratisches Regime“ nennen, ist mit Monopolen keineswegs unvereinbar. Im Gegenteil — es hat „selbst geradezu den Bestand von hochorganisierten Monopolen zur Voraussetzung“ (Bd. 2, S. 157). Denn an die Stelle des einmaligen, monopol­freien Kampfes treten dann „regelmäßig wiederkehrende Ausscheidungskämpfe ohne Waffengewalt, die von dem Monopolapparat geregelt werden“ (Bd. 2, S. 156–157). Die Vergesellschaftung des Gewaltmonopols ist gerade die Bedingung dafür, daß der Streit unblutig und planmäßig geführt werden kann.

Vier Grundbegriffe dieser Seite

Monopolmechanismus

Das soziologische Gesetz, nach dem in einem System frei konkurrierender, annähernd gleich starker Einheiten mit großer Wahrscheinlichkeit immer wenigere über immer mehr Chancen verfügen — bis zum Monopol.

Ausscheidungskonkurrenz

Der freie Wettbewerb relativ Vieler um knappe Chancen, über die noch kein Monopol besteht. Er geht jeder Monopolbildung voraus und tendiert selbst zu ihr.

Vergesellschaftung

Der Umschlag des erkämpften Privatmonopols in ein öffentliches: Aus privatem Besitz wird eine öffentliche Funktion, getragen vom interdependenten Menschengeflecht.

Königsmechanismus

Vorgriff auf Teil XI: jene besondere Aufbaueigentümlichkeit, die dem absoluten Herrscher seine scheinbar unumschränkte Stellung im Gleichgewicht der Kräfte verschafft.

Demokratie ist nicht das Gegenteil des Monopols, sondern dessen reife, vergesellschaftete Verwaltungsform.

5. Die frühen Konkurrenzkämpfe im Königreich

Nachdem das allgemeine Schema steht, betont Elias, daß es „seine volle Bedeutung &dots; erst im Zusammenhang mit konkreten Fakten“ erhalte; an ihnen muß es sich bewähren (Bd. 2, S. 158). Mit dem Abschnitt „Die frühen Konkurrenzkämpfe im Rahmen des Königreichs“ (Kapitel IV) wendet er sich deshalb der Geschichte Frankreichs zu — jenes Landes, in dem sich der Prozeß „am geradlinigsten abspielte“ und das dadurch „zur modellgebenden Vormacht Europas“ wurde (Bd. 2, S. 159). Die Methode ist programmatisch: Ohne die Erfahrungsfülle der Einzelheiten bleibt das Schema leer — „wie die Erfahrungsfülle chaotisch für das Bewußtsein dessen, der die Ordnung und die Strukturen darin nicht sieht“ (Bd. 2, S. 159).

„Daß innerhalb des westfränkischen Nachfolgegebiets früher oder später eines der rivalisierenden Kriegerhäuser die Vormacht und schließlich eine Monopolstellung gewann &dots; hatte entsprechend der Gesetzlichkeit des Monopolmechanismus einen sehr hohen Grad von Wahrscheinlichkeit.“ — Bd. 2, S. 160

Elias trennt hier sorgfältig zwei Fragestellungen, die man leicht verwechselt. Daß überhaupt eines der Häuser siegen würde, war hochwahrscheinlich — das folgt aus dem Mechanismus. Welches Haus — ob die Kapetinger oder ein anderes Geschlecht — siegen würde, war hingegen weit weniger sicher und entschied sich erst im Lauf des hundertjährigen Krieges. „Mehr von jener Frage, als von dieser war und ist hier die Rede“ (Bd. 2, S. 160). Diese Unterscheidung von struktureller Tendenz und individuellem Zufall ist für Elias’ Wissenschafts­verständnis zentral: Der Mechanismus erklärt die Richtung, nicht den Namen des Siegers.

Der erste Schub vollzieht sich „im Rahmen eines Territoriums“: Innerhalb der kleinen Bezirke verschiebt sich das Gleichgewicht zugunsten Weniger, schließlich eines Einzigen. Ein Haus — „immer ist ein Haus, eine Familie die gesellschaftliche Einheit, die sich durchsetzt, nicht ein Einzelner“ (Bd. 2, S. 161) — erkämpft sich so viel Boden, daß die anderen sich nicht mehr mit ihm messen können. Charakteristisch ist die Strenge des Mechanismus: „analoge Prozesse“ spielen sich „annähernd zu der gleichen Zeit ziemlich in allen Territorien des westfränkischen Gebiets“ ab (Bd. 2, S. 161). Ludwig VI. von Francien, dem Namen nach König des ganzen Gebiets, ist faktisch nur einer dieser Territorialherren unter anderen.

Damit beginnt die zweite Stufe: der Kampf zwischen den siegreichen Fürstenhäusern um die Vormacht im größeren Gebiet. Auch in ihn werden die Menschen durch „Zwangsläufigkeit“ getrieben — ein Schlüsselwort des Buches.

„Wenn der eine Nachbar größer und damit mächtiger wird, gerät der andere Nachbar in Gefahr, von ihm überwältigt oder von ihm abhängig zu werden; er muß erobern, um nicht zu unterliegen.“ — Bd. 2, S. 163
Die Zwangsläufigkeit der Expansion Nachbar A wächst, wird mächtiger Nachbar B droht, abhängig zu werden B muß erobern, um nicht zu unterliegen … und treibt damit A erneut zur Expansion: das Spiel läuft weiter Ergebnis: immer größere Blöcke um immer wenigere Zentren
Der Verflechtungsmechanismus zwingt selbst die Friedfertigen zur Expansion: Wer nicht wächst, droht überwältigt zu werden (nach Bd. 2, S. 163).

Solange Kolonisations- und Expansionszüge nach außen möglich sind, entlasten sie die innere Spannung; je geringer die äußere Expansion, desto stärker verstärkt sich diese Spannung im Innern (Bd. 2, S. 163). Genau dieselbe „Balancegesetze“ bestimmen, so Elias, das Verhalten in solchen Gleichgewichtssystemen: Solange noch keine absolute Vormacht hervorgetreten ist, suchen „die Einheiten zweiter Stärke einen Block gegenüber jener Einheit zu bilden, die durch Zusammenschluß vieler Gebiete der Vormachtstellung am nächsten ist; eine Blockbildung provoziert die andere“ (Bd. 2, S. 168). Diese Logik der Blöcke und Gegenblöcke gilt für das mittelalterliche Frankreich nicht anders als — in Elias’ Gegenwart — für die Politik der Staaten über die ganze Erde hin.

Der Mechanismus arbeitet mit „Strenge“: Daß einer siegt, ist Gesetz — wer es ist, bleibt offen.

6. Vom Eroberten zum Verwalteten

Elias zeichnet den konkreten Gang dieser Kämpfe nach: Der Zug des Normannenherzogs nach England (1066) erschüttert das Gleichgewicht unter den Territorialherren; am unmittelbarsten betroffen ist das Haus der Herzöge von Francien, die Kapetinger. Ludwig VI., der nominelle König, ist faktisch „weit schwächer als sein Vasall und Nachbar“, der nun als Herrscher von England „ebenfalls eine Königskrone trug“ (Bd. 2, S. 164). Wilhelm der Eroberer konnte auf der Insel „eine für diese Zeit relativ stark zentralisierte Herrschaftsorganisation“ schaffen; er verteilte das eroberte Land so, daß rivalisierende Häuser nach Möglichkeit verhindert wurden, und seine Verwaltungsapparatur war „die fortgeschrittenste ihrer Zeit“ (Bd. 2, S. 164). Eben weil England erobertes Land war, ließ es sich straffer organisieren als die gewachsenen Festlandsterritorien.

An England zeigt Elias zugleich den umgekehrten Prozeß. Als Heinrich I. ohne männliche Erben stirbt und der schwache Etienne v. Blois auf den Thron kommt, „setzt sofort eine Desintegrierung der Herrschaftsgewalt auf der Insel ein“: Die Feudalherren bauen Burgen, prägen eigenes Geld, ziehen Steuern ein — „kurzum, sie nehmen alle die Machtmittel für sich in Anspruch, die bisher &dots; ein Monopol der normannischen Zentralherren gewesen waren“ (Bd. 2, S. 167). Der Zerfall des Monopols ist die exakte Umkehrung seiner Bildung; beides folgt demselben Gesetz der Stärkeverhältnisse.

Damit beginnt der jahrhundertelange Vormachtkampf zwischen Kapetingern und Plantagenets. Heinrich Plantagenet vereinigt Maine, Anjou, Touraine und die Normandie, erobert 1153/54 England zurück und wird durch seine Heirat mit der Erbin von Aquitanien zugleich Herr über den ganzen Südwesten — ein Festlandsgebiet, „demgegenüber das Gebiet des Kapetingerhauses recht klein erscheint“ (Bd. 2, S. 167). Elias warnt ausdrücklich davor, diese Kämpfe als National- oder Staatenkriege zu lesen:

„Es handelt sich, wie man sieht, in der Tat hier noch nicht um einen Kampf zwischen Staaten oder Nationen. Die ganze Bildungsgeschichte der späteren Monopolorganisationen, der Staaten und Nationen, bleibt unverständlich, solange diese vorangehende, gesellschaftliche Phase der ‚Privatinitiative‘ nicht in ihrer Eigenart erfaßt ist.“ — Bd. 2, S. 172

Die Entscheidung fällt erst allmählich. Die Schlacht von Bouvines 1214 gibt „fürs erste den Ausschlag“: Johann von England wird von Philipp Augustus besiegt, und — ganz im Sinne der feudalen Logik — bedeutet die Niederlage nach außen zugleich eine Schwächung im Innern (die Barone erzwingen die Magna Carta), während der Sieg Philipps dessen Macht im Innern stärkt (Bd. 2, S. 172). Unter Philipp Augustus vervierfacht sich das kapetingische Herrschaftsgebiet; er macht, wie Elias zitiert, „das Kapetingerhaus zur reichsten Familie Frankreichs“ (Bd. 2, S. 172). Generation um Generation führt „eine kontinuierliche Anstrengung &dots; ziemlich in die gleiche Richtung: zur Akkumulation von Land“ (Bd. 2, S. 176).

Doch — und hier schließt sich der Bogen zurück zur Theorie — diese Herrschaftsgebilde haben „noch keine sehr große Festigkeit“. Sie sind buchstäblich „Privatunternehmungen“, abhängig von den persönlichen Fähigkeiten, vom Alter und von der Erbfolge ihres Besitzers (Bd. 2, S. 170). Der gewonnene Komplex hat „immer noch das typische Aussehen eines territorialen Familienbesitzes“, dessen Stücke weniger durch Funktionsteilung als „durch die Person des Besitzers, durch ‚Personalunion‘“ zusammengehalten werden (Bd. 2, S. 177). Erst die nächste Phase — jene des stabilen Herrschaftsapparats — wird größere Einheiten dauerhaft binden. Damit ist das Endbild dieses Kapitels erreicht:

„Aus einer Kriegergesellschaft mit relativ freier Konkurrenz ist eine Gesellschaft mit monopolartig beschränkter Konkurrenz geworden &dots; In der Auseinandersetzung zwischen ihnen muß sich entscheiden, wer über das vollendete Herrschaftsmonopol in dem westfränkischen Nachfolgegebiet verfügen wird &dots;“ — Bd. 2, S. 179

Am Anfang des 14. Jahrhunderts gibt es neben dem Haus von Francien nur noch vier Häuser, „die zählen“: Burgund, die Bretagne, Flandern und — als mächtigstes — die Könige von England. Aus den fünf großen Kriegerhäusern heben sich wieder zwei heraus, die Kapetinger und die Plantagenets. Was als Vielzahl frei konkurrierender Ritterhäuser begann, hat sich zu einem Gleichgewicht weniger Blöcke verengt — der Trichter des Monopolmechanismus hat fast seinen Grund erreicht. Was Elias mit dem Kapitel geleistet hat, ist die Verbindung von strengem Schema und konkreter Geschichte: Das „Gesetz“ der Monopolbildung wird an den Namen der Landschaften und Häuser anschaulich, ohne seine erklärende Kraft zu verlieren. Der nächste Schritt — wie aus dem siegreichen Privatmonopol durch Steuermonopol und Apparat der „Königsmechanismus“ des Absolutismus wird — ist Gegenstand des folgenden Teils.

Vom Eroberten zum Verwalteten: Was als Privatunternehmung erobert wird, muß erst zur Verwaltungsaufgabe vieler werden, ehe es „Staat“ heißen darf.