Elias · Prozeß der Zivilisation
Bd. 2 · Erster Teil VII–VIII · S. 68–122

Feudalismus, Minnesang und »courtoisie«

Soziogenese des Feudalismus und der höfischen Umgangsformen

In diesem Abschnitt schließt sich der Bogen, den Elias mit dem zweiten Band gespannt hat. Er zeigt nicht eine Institution namens „Feudalismus“, die irgendjemand erfunden oder eingerichtet hätte, sondern die Mechanik einer Gesellschaft: Wer in einer geldarmen Kriegerwelt Land und Ämter verleiht, um Gefolgschaft zu binden, schwächt damit sein eigenes Zentrum; das Lehen wird erblich; aus Dienstleuten werden selbständige Herren; das Reich zerfällt in eine Fülle konkurrierender Herrschaftszentren. Und zugleich beginnt an den Höfen der wenigen großen Herren etwas Neues: eine erste „courtoise“ Regelung des Verhaltens. Minnesang und höfische Form entspringen nicht ritterlicher Wildheit, sondern dem Selbstzwang sozial abhängiger Menschen, die von einem Herrn und einer Herrin leben. Damit verbindet Elias die Psychogenese des ersten Bandes — die Umformung der Triebe — mit der Soziogenese der Herrschaft. Beide sind, wie er am Ende ausdrücklich sagt, „dasselbe“, nur von zwei Seiten gesehen.

Kernidee. Feudalisierung ist für Elias keine Rechts- oder Verfassungsgeschichte, sondern eine zwangsläufige Verschiebung in einem Geflecht von Angewiesenheiten: Solange die Angewiesenheit des Höheren auf kriegerische Dienste größer ist als die Angewiesenheit des Belehnten auf Schutz, treiben die zentrifugalen Kräfte die Verfügungsgewalt über den Boden von oben nach unten — das Reich zerfällt. Erst wenn Kommerzialisierung und Geldverkehr das Schwergewicht zu den wenigen großen Herren zurückverlagern, kehrt die Bewegung um. An deren Höfen, im engen Zusammenleben sozial Abhängiger unter den Augen eines Herrn und einer Herrin, entsteht die courtoisie: die früheste weltliche Form des Fremdzwang→Selbstzwang.

1. Neue Elemente im Aufbau der mittelalterlichen Gesellschaft

Elias setzt mit einer vergleichenden Frage ein: Worin unterscheidet sich der gesellschaftliche „Zellenbau“ des Abendlandes von dem der Antike? Er warnt zunächst vor einer bequemen Erklärung. Man hat von einer „Renaissance des Handels“ im 11. oder 12. Jahrhundert gesprochen und gemeint, das Abendland sei gleichsam wieder auf den Stand der Antike gekommen und dann über ihn hinaus. Daran ist Richtiges; ohne das Erbe der Antike wäre die Gestaltung der Probleme nicht gelungen. Aber der eigentliche Antrieb, so Elias, läge gerade nicht im Lernen von der Antike, sondern in der Gesellschaft selbst.

Aber der Motor der Bewegung lag nicht im „Lernen von der Antike“. Er lag im Innern dieser Gesellschaft selbst, in ihren Automatismen, in den Bedingungen, unter denen sich die Menschen miteinander einrichten mußten.— Bd. 2, S. 68

Diese Automatismen, betont Elias, waren bereits andere als in der Antike. Zwei Strukturunterschiede greift er heraus. Erstens: In der abendländischen Gesellschaft fehlte die billige Arbeitskraft der Kriegsgefangenen, der Sklaven, oder sie spielte doch keine bedeutende Rolle mehr. Das gab der sozialen Entwicklung „von vornherein eine andere Richtung“ (S. 69). Zweitens: Die Wiederbesiedlung vollzog sich nicht mehr um ein Meer und nicht mehr ausschließlich um Flußwege, sondern zu einem wesentlichen Teil im Binnenland. Beide Erscheinungen stellten die Menschen vor Probleme, die die antike Gesellschaft nicht zu lösen brauchte.

Den ersten Punkt entfaltet Elias mit einem längeren englischsprachigen Zitat aus der zeitgenössischen Forschung über die Sklavenwirtschaft, das er anschließend auf Deutsch zusammenfasst. Der Kern: Sklavenarbeit treibt die Freien aus der Arbeit, bindet die Gesellschaft an eine einfache, veränderungsfeindliche Apparatur und macht die Reproduktion des Kapitals von Kriegszügen abhängig. Wo Sklaven fehlen, entsteht dagegen eine ganz andere Dynamik: Die Arbeitenden gewinnen als Unterschicht ein „beträchtliches, gesellschaftliches Schwergewicht“, und je weiter die Verflechtung fortschreitet, desto stärker wird die nichtarbeitende Oberschicht von den arbeitenden Schichten abhängig. So legt das Fehlen der Sklaverei den Grund für eine „als Ganzes arbeitende Gesellschaft“ und für die abendländische Form des Kapitals.

Den zweiten Punkt — die Binnenland-Orientierung — verbindet Elias mit dem Einbruch der Araber, der das Mittelmeer als Verkehrsweg zerschnitt: „Aus dem römischen wird zum guten Teil ein arabischer See“ (S. 73). In der Karolingerzeit gruppierte sich ein mächtiges Gebiet erstmals um ein ganz weit im Binnenland gelegenes Zentrum. Daraus erwächst eine Entwicklungslinie, die nicht in der statischen, „versteinerten“ Vorstellung vom Mittelalter aufgeht: Auch das Mittelalter kennt Phasen voller Expansion, Arbeitsteilung und Revolution — neben Sektoren, in denen die Institutionen erstarren.

Zwei Baugesetzlichkeiten im Vergleich Antike (Sklavengesellschaft) Abendland (freie Arbeit) • Sklaven als billige Arbeitskraft • Freie aus der Arbeit gedrängt • einfache, starre Arbeitsapparatur • Kapital an Kriegszüge gebunden • Besiedlung um das Meer herum • drei Klassen: Herren / „mean whites“ / Sklaven • freie / halbfreie Arbeit überwiegt • Unterschicht gewinnt Schwergewicht • technische & Geld-Entwicklung möglich • alle werden voneinander abhängig • Besiedlung im Binnenland • Weg zur „als Ganzes arbeitenden Gesellschaft“
Elias begründet die Eigenart des Abendlandes nicht durch „Fortschritt“, sondern durch zwei strukturelle Ausgangsbedingungen: Fehlen der Sklaverei und Binnenland-Zentrierung (S. 68–75).
Nicht die Renaissance bringt das Neue, sondern die inneren Automatismen einer sklavenarmen, binnenländisch zentrierten Gesellschaft. Die Richtung steht schon im frühen Mittelalter fest.

2. Soziogenese des Feudalismus

Mit dem Kapitel „Zur Soziogenese des Feudalismus“ betritt Elias den Kern seiner Argumentation. Gesellschaftliche Expansionsprozesse haben ihre Grenzen; sie laufen sich früher oder später fest. Als im 11. Jahrhundert der Nachschub an rodbarem Boden versiegte und die Kolonisation im östlichen Mittelmeer stockte, während die Kriegerbevölkerung weiterwuchs, verfestigten sich die Besitzverhältnisse. Das „Feudalsystem“ ist für Elias nichts anderes als die Abschlussform dieser Expansionsbewegung im agrarischen Sektor — wie das geschlossene Zunftsystem ihre Abschlussform im städtischen ist.

Aus einer Gesellschaft mit relativ offenen Chancen wird so über wenige Generationen eine Gesellschaft mit geschlossenen Positionen. Aus Diensttiteln — ehemals so etwas wie „Beamtenstellungen“ — werden erbliche Rangbezeichnungen, an den Namen eines Hauses und die Größe seines Bodenbesitzes gebunden. Der Herzog ist der Abkömmling eines königlichen Dienstmanns, der Vicomte der eines vom Grafen eingesetzten Vizegrafen, der Seigneur der eines Burgwächters — und jeder verfügt nun über sein Gebiet als erblichen Besitz. Elias fasst diese Versteifung in ein lapidares Bild:

Jeder hält, was er hat. Er läßt sich von oben nichts mehr entreißen. Und es kann von unten niemand mehr hinein. Das Land ist verteilt.— Bd. 2, S. 77

Was den späteren Betrachter ratlos macht, ist die Frage: Warum ließen sich Könige und Herzöge die Wegnahme ihrer Verfügungsgewalt gefallen? Warum machten sie nicht ihren „Rechtsanspruch“ geltend? Elias entgegnet, dass hier überhaupt keine „Rechtsfrage“ im modernen Sinn vorliegt. Schriftlich fixierte, allgemein gültige Rechtsnormen setzen ein hohes Maß an Verflechtung und eine starke Zentral-Institution voraus, die dem Gesetz auch bei Widerstrebenden Respekt verschafft. Wo diese Machtapparatur fehlt, regelt sich das Recht unmittelbar nach den tatsächlichen Stärkeverhältnissen.

Das Rech­t hier, wie in jeder Gesellschaft, [ist] Funktion des Gesellschafts-Aufbaus, Ausdruck der gesellschaftlichen Stärkeverhältnisse, Symbol für den Angewiesenheits- und Abhängigkeitsgrad der verschiedenen sozialen Gruppen.— Bd. 2, S. 82

In der feudalen Gesellschaft trat das unverdeckter zutage als heute, wo die Vermittlungsketten zwischen Rechts- und Machtapparatur länger geworden sind und die Macht so selbstverständlich droht, dass sie nur selten durch einen „kohlhasischen Kampf“ auf die Probe gestellt wird. Zur Verdeutlichung greift Elias zu einer Analogie, die seinen Lesern näher liegt: dem Verhältnis der Staaten. Auch zwischen Staaten gibt es kein Recht, dem eine umgreifende Machtapparatur Rückhalt gäbe; auch hier reguliert sich alles „auf längere Sicht“ nach den gesellschaftlichen Stärkeverhältnissen, und jeder Machtzuwachs des einen ist die automatische Schwächung des anderen.

Recht ist nicht „vom Himmel gefallen“. Es ist Ausdruck eines Kräfteverhältnisses — in der Feudalgesellschaft offen, in der Moderne nur länger vermittelt und darum scheinbar selbständig.

3. Naturalwirtschaft, Landverleihung und die Erblichkeit des Lehens

Nun arbeitet Elias den eigentlichen Mechanismus heraus. In einer naturalwirtschaftenden Kriegergesellschaft, in der jeder Gutsbesitz weitgehend autark ist und der kriegerische Zusammenschluss die primäre Integrationsform bildet, löst sich mit dem Stammesverband der alte Schutz auf. Die Familien sitzen isoliert auf ihren Burgen. Der Einzelne hat keine andere Möglichkeit, sich gegen Stärkere zu schützen, als sich in den Schutz eines Mächtigeren zu stellen; und der Mächtigere hat keine andere Möglichkeit, sich gegen Gleichstarke zu schützen, als durch die Dienste von Kriegern, denen er dafür Land gibt. So entsteht der individuelle Lehnsschwur — die „sakrale Verfestigung“ eines Schutzbündnisses zwischen einem bodenvergebenden und einem dienstvergebenden Krieger.

In dieser Pyramide hat fast jede Stufe ein Doppelgesicht: nach unten Land und Schutz zu vergeben, nach oben Dienste. Aber das Geflecht der Angewiesenheiten ist nicht symmetrisch — und gerade darin liegt die ganze Sprengkraft des Prozesses:

In einer bestimmten Phase ist immer und überall im Abendland die Angewiesenheit der jeweils Höheren auf Dienste größer als die Angewiesenheit der jeweiligen Vasallen, wenn sie einmal über ein Stück Land verfügen, auf Schutz. Das gibt den zentrifugalen Kräften in dieser Gesellschaft … ihre Stärke.— Bd. 2, S. 80–81

Der Grund ist einfach: Boden ist in dieser Gesellschaft „immer Eigentum dessen, der tatsächlich darüber verfügt“ (S. 86). Der Lehnsherr hat das „Recht“ auf den verlehnten Boden, der Belehnte aber verfügt tatsächlich darüber. Das Einzige, was den Belehnten noch bindet, ist der Schutz des Herrn — und Schutz braucht man nicht immer. Will der Herr einen Vasallen mit Gewalt vertreiben, so braucht er dazu die Dienste anderer Krieger oder neuen Boden, um sie zu bezahlen; und für die Eroberung braucht er wiederum Dienste. Der Mechanismus dreht sich gegen das Zentrum. So zerfällt das westfränkische Gebiet im 10. und 11. Jahrhundert in eine Fülle immer kleinerer Herrschaftsgebiete. Elias gibt dem eine präzise Definition:

Die Desintegration des Besitzes, der Übergang des Bodens aus der Verfügungsgewalt der Könige in die abgestufte Verfügungsgewalt der Kriegergesellschaft im ganzen — dies und nichts anderes ist die „Feudalisierung“.— Bd. 2, S. 87–88
Die Lehnspyramide und ihr Zerfall König Herzöge/Grafen Vicomtes/Sires Vasallen/Hörige Ausgangsform Land + Schutz ↓ nach unten Dienste ↑ nach oben Asymmetrie: Herr braucht Dienste mehr Desintegration: Burg gegen Burg jeder Seigneur ein „reguli“, ein kleiner König
Weil der Belehnte den Boden faktisch besitzt und der Herr stärker auf Dienste angewiesen ist als der Vasall auf Schutz, treiben zentrifugale Kräfte die zentrale Pyramide in eine Fülle kleiner Herrschaften auseinander (S. 79–88).

Doch der Endpunkt ist zugleich ein Wendepunkt. Mit der äußersten Desintegration stellt sich ein Spannungssystem her, das „zugleich die Antriebe zu einem Gegenschub, zu einer neuen Zentralisierung“ enthält (S. 88). Eine zeitgenössische Schilderung, die Elias zitiert, fasst beide Phasen zusammen: Im 10. und 11. Jahrhundert geht die Zerstückelung immer weiter, „jede Autorität ist auf dem Wege zu immer größerer Desintegration“; dann aber, schon im 11. und besonders im 12. Jahrhundert, vollzieht sich eine Reaktion — die besser placierten Grundherren belegen die feudale Bewegung mit Beschlag und fixieren das Recht zuungunsten ihrer Vasallen.

4. Soziogenese des Minnesangs

Der Gegenschub hat einen ökonomischen Motor: die langsame Kommerzialisierung. Das Geld kommt den wenigen reichen Grundherren in ganz anderem Maße zugute als dem Gros der kleinen, die weiter direkt verzehren, was ihre Güter bringen. An den Höfen der Großen sammelt sich ein Reichtum, der den Kleinen fehlt — und dieser Reichtum trifft auf ein wachsendes Angebot an Diensten durch „zu kurz gekommene Krieger“. Je geringer die Expansionsmöglichkeiten, desto größer die „Reservearmee aller Schichten, auch der Oberschicht“ (S. 90). Viele sind schon zufrieden, an einem großen Hof Unterkommen und Kost zu finden; ein Lehen zu erhalten ist ein Glücksfall. Elias erinnert an Walthers von der Vogelweide Ausruf „Ich hab mein Lehen!“ — und an alles, was an Demütigungen und vergeblichen Bittgängen dahinterliegt.

An diesen wenigen großen Höfen entsteht eine verfeinerte Geselligkeit. Sie werden zu &bbquo;Repräsentationsstätten“ im Konkurrenzkampf der Territorialherren und zu „potentiellen Zentren der literarischen Patronage“. Es gibt noch keinen Buchmarkt; für den, der vom Dichten leben muss, ist die höfische Patronage die einzige Existenzform. So differenziert sich die Funktion des Spielmanns mit ihrem Publikum — vom einfachen Possenreißer bis zum Minnesänger und Troubadour. Das Minnelied ist daher nie reine Kunst, sondern Instrument:

Es war nach Sinn und Zweck ein politischer Panegyrikus in der Form der persönlichen Huldigung.— Bd. 2, S. 102

Entscheidend ist Elias’ sozialer Ort des Sängers. Er unterscheidet drei Formen ritterlichen Schicksals: die kleineren Ritter mit ein paar Gütern; die großen Territorialherren, gering an Zahl; und die Ritter ohne oder mit nur geringem Land, die sich in den Dienst größerer begeben. Aus dieser dritten, abhängigen Gruppe stammen hauptsächlich die adligen Minnesänger — neben Aufsteigern aus der städtisch-ländlichen Unterschicht. Der Minnesang bekommt sein Gepräge gerade aus dieser „Gebundenheit sozial abhängiger Menschen“. Am Lebenslauf Walthers, der von Philipp, Otto IV. und Hermann von Thüringen nur „auf Kündigung“ in Dienst stand und erst von Friedrich II. ein beneficium erhielt, illustriert Elias diese prekäre Existenz. Der höfische Sänger erhob sich über den landfahrenden Spielmann „dauernd nur dann, wenn er vom Fürsten oder der Fürstin in Dienst genommen wurde“ (S. 104).

Daraus folgt Elias’ entscheidende These: Nicht das Verhältnis von Ehemann und Ehefrau liegt dem Minnesang zugrunde — im Gros der feudalen Gesellschaft ist der Mann der unangefochtene Herr, und nichts nötigt ihn zu Zwang —, sondern das Verhältnis des sozial niedriger stehenden Mannes zur sozial höher stehenden Frau, der Herrin des Hofes. Erst diese Konstellation erzwingt jenes An-sich-Halten, aus dem &bbquo;Lyrik“ und &bbquo;Liebe“ als gesellschaftliche Phänomene erwachsen:

Hier entstehen, nicht nur ausnahmsweise, sondern gesellschaftlich-institutionell verfestigt, Kontakte zwischen Mann und Frau, die es auch dem stärkeren Mann unmöglich machen, sich die Frau einfach zu nehmen, wenn er Lust hat … und zugleich, weil sie höher steht, weil sie schwer erreichbar ist, vielleicht besonders begehrenswert.— Bd. 2, S. 111
MerkmalGros der KriegergesellschaftGroßritterlicher Feudalhof
Verhältnis der Geschlechteroffene Männerherrschaft, Frau in der &bbquo;Kemenate“Herrin sozial gehoben, friedlichere Geselligkeit
Triebe&bbquo;wild, grausam, hingegeben an die Lust des Augenblicks“Dämpfung, Sublimierung, An-sich-Halten
Wirtschaftsformautark, naturalwirtschaftlich, geldfernan Handelsnetz und Geldverkehr angeschlossen
Liebe / Lyrik&bbquo;von Liebe wenig die Rede“, Frau zur BefriedigungMinnesang als institutionalisierte Sublimierung
Sozialer Ort des Sängerskein dauernder Platz, nur DurchreiseHofdienst, Patronage durch Herrn und Herrin
Der Minnesang ist kein Ausdruck &bbquo;der“ Ritterschaft, sondern einer schmalen Elite. Er entspringt nicht der Freiheit, sondern der Abhängigkeit — dem Zwang des dienenden Mannes vor der höher stehenden Herrin.

5. Courtoisie als Zwang der Abhängigen

Aus demselben sozialen Boden, aus dem der Minnesang erwächst, entsteht zugleich die courtoisie — ein fester Standard der Umgangsformen, eine Mäßigung der Affekte, eine &bbquo;Ausfeilung des Verhaltens“. Hier schließt Elias den Band an den ersten an: Die Manierenvorschriften, die er in Band 1 an den Anfang seiner Beispielreihen gestellt hatte (Tischsitten, natürliche Bedürfnisse, Verhältnis von Mann und Frau), bekommen nun ihre soziogenetische Erklärung:

Die Soziogenese der großen, ritterlichen Feudalhöfe ist zugleich die Soziogenese dieses courtoisen Verhaltens. Auch die „Courtoisie“ ist eine Verhaltensform, die sich wohl zunächst und in erster Linie bei den sozial abhängigeren Existenzen im geselligen Kreise dieser ritterlich-höfischen Oberschicht herausbildete.— Bd. 2, S. 115

Damit wendet sich Elias gegen ein verbreitetes Missverständnis: Die courtoise Oberschicht sei, verglichen mit der späteren absolutistischen, noch relativ &bbquo;ungebunden“ gewesen — aber das heißt nicht, dass sie einen &bbquo;Anfang“ oder einen &bbquo;natürlichen“ Zustand ungebundener Triebe repräsentiert. Einen solchen Nullpunkt gibt es für Elias nicht. Jede Triebmodellierung entspricht genau der Integrationsform, dem Maß wechselseitiger Abhängigkeit. Die courtoisie ist gemessen am Gros der Kriegerschaft bereits eine Verfeinerung und ein Distinktionsmerkmal — und die ständige Polemik der Manierenvorschriften (&bbquo;tue das nicht und tue jenes nicht“) verweist eben auf jenes rohe Verhalten, gegen das sie sich abheben.

Ein zitiertes Beispiel, der mittelhochdeutsche &bbquo;spruch von den mannen“, lässt den Standard plastisch werden: Man solle züchtig mit Frauen reden, sich nicht auf ihr Gewand und nicht zu nah setzen, sie nicht mit den Armen umfassen. Elias kommentiert nüchtern, welch beträchtliche Anstrengung schon dieses Maß an Rücksicht den Kleinrittern abverlangt haben mag — und wie gering es zugleich ist, verglichen mit dem Höfling Ludwigs XIV. Daran wird die Komparativ-Struktur seiner ganzen Theorie sichtbar: Es geht nicht um ein absolutes Mehr oder Weniger an &bbquo;Zivilisation“, sondern um qualitativ verschiedene Abhängigkeitsgeflechte, von denen jedes seine eigenen Gewohnheiten züchtet.

Es zeigt zugleich auch, daß die Courtoisie in der Tat einen Schritt auf dem Wege bedeutet, der schließlich zu unserer Triebmodellierung führt, einen Schritt in der Richtung der „Zivilisation“.— Bd. 2, S. 121
Courtoisie als früher Fremdzwang→Selbstzwang Äußere Lage enges Zusammen- leben Abhängiger unter dem Herrn, vor der Herrin Fremdzwang friedlicher Umgang wird zur Pflicht; Manieren- vorschriften Selbstzwang Dämpfung der Affekte, An-sich- Halten, Sublimierung → Minnesang &bbquo;Funktion der in Selbstzwänge transformierten Fremdzwänge und äußeren Abhängigkeiten“ (S. 96)
An den großen Höfen wird der äußere Zwang des dichten Zusammenlebens zur inneren Gewohnheit — die courtoisie ist Elias’ frühester weltlicher Beleg für den Mechanismus Fremdzwang→Selbstzwang (S. 96, 115, 121).

Soziogenese

Die Herleitung einer Verhaltens- oder Kulturform aus dem Wandel der Gesellschaftsstruktur. Feudalismus, Minnesang und courtoisie haben für Elias dieselbe Soziogenese: die Bildung großer Feudalhöfe.

Angewiesenheit

Elias’ Schlüsselbegriff für die wechselseitige Abhängigkeit im &bbquo;Geflecht“. Ihre Asymmetrie (Herr braucht Dienste mehr als Vasall Schutz) treibt die Feudalisierung.

Gesellschaftliche Stärke

Nicht identisch mit körperlicher Kraft: in der Kriegergesellschaft so groß &bbquo;wie der Umfang und die Ergiebigkeit des Bodens“, über den einer verfügt (S. 83).

Courtoisie

Der höfische Verhaltensstandard zwischen ritterlicher Roheit und absolutistischer Etikette — ein &bbquo;Schritt in der Richtung der Zivilisation“ (S. 121).

Minne

Beziehung des sozial niedrigeren Mannes zur höher stehenden Herrin. Ihre Unerreichbarkeit erzwingt Sublimierung — daraus erwächst &bbquo;Liebe“ als gesellschaftliches Phänomen.

Zentrifugale Kräfte

Die im Lehnsgeflecht angelegten Tendenzen zur Auflösung des Zentrums; sie tragen aber zugleich die Antriebe zu einem zentralisierenden Gegenschub in sich (S. 88).

6. Die kleine höfische Gesellschaft als Vorform

Am Ende zieht Elias die Linie aus und macht deutlich, dass die kleine höfische Gesellschaft des 12. Jahrhunderts ein Modell im Kleinen ist — ein erster Pol eines viel längeren Prozesses. Er stellt den beiden Extremen die methodische Bedeutung gegenüber: auf der einen Seite die ganz locker integrierte Kriegerschicht mit der autarken Burg als Symbol, auf der anderen Seite die eng integrierte Höflingsschicht des absolutistischen Hofes. Beide sind &bbquo;die Pole des Beobachtungsfeldes“ (S. 122), zwischen denen sich der Zivilisationsprozess abspielt. Die großen Feudalhöfe sind die ersten Orte, an denen sich überhaupt eine &bbquo;Gesellschaft“ im engeren Sinn bildet — eine beständige, relativ enge Integration von Menschen mit Zwang zur Enthaltung von Gewalt im inneren Verkehr.

Hier formuliert Elias schließlich die zentrale Gleichung seines Werks, die die Brücke zwischen Psychogenese und Soziogenese in einem Satz schlägt:

Der Prozeß der „Zivilisation“ ist, von der Seite des Verhaltens und des Trieblebens her gesehen, dasselbe, wie, von der Seite der menschlichen Beziehungen her gesehen, der Prozeß der fortschreitenden Verflechtung, die zunehmende Differenzierung der gesellschaftlichen Funktionen … immer größerer Integrationseinheiten, von deren Ergehen und Bewegungen der Einzelne abhängig ist, ob er es weiß oder nicht.— Bd. 2, S. 118–119

Daraus folgt zugleich Elias’ Vorbehalt gegen jedes Fortschritts- und Rückschrittsdenken. Die Richtung der Prozesse ist weder ein &bbquo;Fortschritt“ zum Besseren noch ein &bbquo;Rückschritt“ zum Schlechteren; es handelt sich um Strukturveränderungen, die sich von der quantitativen Seite zwar am leichtesten, aber auch am oberflächlichsten fassen lassen. Die berühmte Treppe der Integrationseinheiten — &bbquo;Erst steht Burg gegen Burg, dann Territorium gegen Territorium, dann Staat gegen Staat“ — ist nicht bloß ein quantitatives Wachstum, sondern jedesmal eine qualitative Umbildung des Geflechts, in das ein Menschenleben versponnen ist, und mit ihm der &bbquo;Seelenhaushalt“.

So endet der Abschnitt mit einem Programm. Gezeigt ist, wie sich aus der Burgenlandschaft die großen Feudalhöfe, die &bbquo;Zentren der Courtoisie“, herausheben. Was noch fehlt — und worauf die folgenden Kapitel zielen — ist die Mechanik, kraft deren einem dieser Territorialherren, dem König, ein Übergewicht zuwuchs und damit die Chance, eine stabile Herrschaftsapparatur über viele Territorien, einen &bbquo;Staat“, zu lenken. Elias formuliert es als Übergang zweier Verhaltensstandards:

Das ist zugleich der Weg, der vom Verhaltensstandard der „Courtoisie“ zum Standard der «Civilité» führt.— Bd. 2, S. 122
Die kleine höfische Gesellschaft ist die Vorform. Von der courtoisie der Feudalhöfe führt der Weg über die Civilité und den Monopolmechanismus zur absolutistischen Etikette — und damit zu &bbquo;unserer“ Triebmodellierung. Das ist das Thema der folgenden Kapitel.

Mit Kapitel VIII ist Elias’ Grundgedanke vollständig entfaltet: Verhalten und Trieb sind nicht aus sich selbst, nicht aus &bbquo;dem Geist“ einer Epoche und nicht aus literarischen Vorbildern allein zu verstehen, sondern aus dem dynamischen Geflecht von Abhängigkeiten, das Menschen miteinander verbindet. Wie dieses Geflecht sich zur Monopolbildung und schließlich zum Königsmechanismus verdichtet, verfolgt das nächste Kapitel.