Elias · Prozeß der Zivilisation
Bd. 2 · Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation, I–III · S. 312–350

Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation (I): Der Zwang zum Selbstzwang

Die große Synthese — wie aus Fremdzwängen Selbstzwänge werden

Mit der „Zusammenfassung“ betritt Elias den theoretischen Höhepunkt des Werkes. Das, was die beiden Bände getrennt verfolgt haben — die Psychogenese der Affektmodellierung im ersten, die Soziogenese des Staates im zweiten —, wird hier in einem einzigen Begriff zusammengeführt: dem „gesellschaftlichen Zwang zum Selbstzwang“. Elias zeigt, dass der Zivilisationsprozess eine Veränderung des menschlichen Verhaltens in einer ganz bestimmten Richtung ist, die dennoch von niemandem geplant wurde. Sie vollzieht sich, wie er sagt, „als Ganzes ungeplant; aber sie vollzieht sich dennoch nicht ohne eine eigentümliche Ordnung“. Diese Ordnung verdankt sich der Figuration, dem Geflecht wechselseitiger Abhängigkeiten, in das die einzelnen Pläne und Handlungen unaufhörlich ineinandergreifen. Aus dem Gewaltmonopol entstehen befriedete Räume; mit der wachsenden Arbeitsteilung verlängern sich die Interdependenzketten; und beides zusammen zwingt den Einzelnen zu beständiger Affektdämpfung und zu jener Voraussicht über viele Kettenglieder hinweg, die Elias „Langsicht“ nennt. Diese Seite folgt den ersten drei Abschnitten des Entwurfs Schritt für Schritt — von der Grundthese (I) über die Ausbreitung der Langsicht (II) bis zur Verringerung der Kontraste und Vergrößerung der Spielarten (III).

1. Der gesellschaftliche Zwang zum Selbstzwang

Elias eröffnet den Entwurf mit einer Frage, die das ganze Buch zusammenhält: Was hat die Organisierung der Gesellschaft in der Form von „Staaten“, was hat die Monopolisierung der Abgaben und der körperlichen Gewalt mit der „Zivilisation“ zu schaffen? Die Antwort kann nicht lauten, dass irgendwann einzelne Menschen die Zivilisation beabsichtigt und planmäßig herbeigeführt hätten. Das wäre ein Zirkel: Eben jene nüchterne Langsicht, jene „geregelte Bewältigung aller kurzfristigen Affekte“, die ein solcher Plan voraussetzte, ist ja selbst erst das späte Ergebnis des Zivilisationsprozesses. Wer den Prozess geplant haben wollte, müsste bereits zivilisiert gewesen sein, bevor die Zivilisation begann. Der Prozess kann sich also nicht aus der Ratio einzelner Menschen erklären.

„Sie vollzieht sich als Ganzes ungeplant; aber sie vollzieht sich dennoch nicht ohne eine eigentümliche Ordnung. Es ist oben ausführlicher gezeigt worden, wie etwa von den verschiedensten Seiten her Fremdzwänge sich in Selbstzwänge verwandeln, wie in immer differenzierterer Form menschliche Verrichtungen hinter die Kulisse des gesellschaftlichen Lebens verdrängt und mit Schamgefühlen belegt werden, wie die Regelung des gesamten Trieb- und Affektlebens durch eine beständige Selbstkontrolle immer allseitiger, gleichmäßiger und stabiler wird.“ — Bd. 2, S. 313

Damit ist das eigentliche Problem benannt. Es ist nicht das spezielle Problem der Zivilisation, sondern das allgemeine Problem des geschichtlichen Wandels überhaupt: Dieser Wandel ist nicht „rational“ geplant, aber er ist auch nicht nur ein regelloses Kommen und Gehen ungeordneter Gestalten. Wie kommt es, fragt Elias, überhaupt in dieser Menschenwelt zu „Gestaltungen, die kein einzelner Mensch beabsichtigt hat, und die dennoch alles andere sind als Wolkengebilde ohne Festigkeit, ohne Aufbau und Struktur“? Die Antwort, sagt er, ist „einfach genug“, und sie ist der theoretische Kern des ganzen Werkes.

Kernidee: Die Pläne und Handlungen der einzelnen Menschen greifen beständig — freundlich oder feindlich — ineinander. Aus dieser Verflechtung, aus der Interdependenz der Menschen, ergibt sich eine Ordnung von ganz spezifischer Art: eine Ordnung, die „zwingender und stärker ist, als Wille und Vernunft der einzelnen Menschen, die sie bilden“. Diese Verflechtungsordnung bestimmt den Gang des geschichtlichen Wandels; sie ist es, die dem Prozess der Zivilisation zugrunde liegt. Der Prozess ist gerichtet, aber ungeplant — geordnet, aber niemandes Werk.

„Diese fundamentale Verflechtung der einzelnen, menschlichen Pläne und Handlungen kann Wandlungen und Gestaltungen herbeiführen, die kein einzelner Mensch geplant oder geschaffen hat. Aus ihr, aus der Interdependenz der Menschen, ergibt sich eine Ordnung von ganz spezifischer Art, eine Ordnung, die zwingender und stärker ist, als Wille und Vernunft der einzelnen Menschen, die sie bilden.“ — Bd. 2, S. 314

Elias grenzt diese Ordnung sorgfältig gegen die geläufigen Denkalternativen ab. Sie ist weder „rational“ — wenn man darunter versteht: entstanden aus der zweckgerichteten Überlegung einzelner Menschen wie eine Maschine —, noch „irrational“ im Sinne des Unbegreiflichen. Sie ist gelegentlich mit der Ordnung der „Natur“ identifiziert worden; Hegel deutete sie als eine Art überindividuellen „Geistes“ und sprach von der „List der Idee“. Aber die Denkgewohnheiten, die uns auf Alternativen wie „rational oder irrational“, „Geist oder Natur“ festlegen wollen, erweisen sich hier als unzulänglich. Die Eigengesetzlichkeit der gesellschaftlichen Verflechtungserscheinungen ist eine eigene Dimension der Wirklichkeit, die mit keinem der beiden Pole zusammenfällt, obwohl sie mit beiden funktionell verbunden bleibt.

Worauf Hegel mit der „List der Idee“ zielte, formuliert Elias nüchterner. Die Tatsache, die schon Hegel beschäftigte, lautet: „dass sich aus allem Planen und Handeln der Menschen vieles ergibt, was kein Mensch bei seinem Handeln eigentlich beabsichtigt hat“ (Bd. 2, S. 314). Genau dieses Ungeplant-Geordnete ist der Gegenstand einer soziologischen Theorie der Zivilisation. Sie tritt an die Stelle einer Geschichtsmetaphysik des Geistes ebenso wie an die Stelle einer rein naturalistischen Erklärung.

Fremdzwang Druck der Verflechtung, Gewaltmonopol, befriedete Räume Selbstzwang Affektkontrolle, Automatismus, „Über-Ich“ Verinnerlichung „von klein auf ... als Automatismus angezüchtet“ Der gesellschaftliche Zwang setzt sich im Inneren des Individuums fort.
Die Grundbewegung des Zivilisationsprozesses: Der von außen kommende Zwang der Verflechtung wird im Einzelnen zu einem nach innen verlegten, häufig automatisch arbeitenden Selbstzwang.
Die Zivilisation ist nichts „Vernünftiges“, so wenig sie etwas „Irrationales“ ist. Sie wird, wie Elias schreibt, „blind in Gang gesetzt“ durch die Eigendynamik eines Beziehungsgeflechts — und ist dennoch keineswegs ungeordnet.

2. Differenzierung der Funktionen und Verflechtung

Welche spezifische Veränderung der menschlichen Beziehungen modelliert nun den psychischen Apparat gerade im Sinne einer „Zivilisation“? Die erste und allgemeinste Antwort lautet: die fortschreitende Differenzierung der gesellschaftlichen Funktionen. Von den frühesten Zeiten der abendländischen Geschichte bis zur Gegenwart differenzieren sich die Funktionen unter starkem Konkurrenzdruck mehr und mehr. Je mehr sie sich differenzieren, desto größer wird die Zahl der Menschen, von denen der Einzelne bei jeder seiner Verrichtungen abhängt — bei den simpelsten ebenso wie bei den seltensten. Das Gewebe der Aktionen muss immer genauer und straffer durchorganisiert sein, damit die einzelne Handlung ihre gesellschaftliche Funktion erfüllt.

„Der Einzelne wird gezwungen, sein Verhalten immer differenzierter, immer gleichmäßiger und stabiler zu regulieren. ... Gerade dies ist charakteristisch für die Veränderung des psychischen Apparats im Zuge der Zivilisation, dass die differenziertere und stabilere Regelung des Verhaltens dem einzelnen Menschen von klein auf mehr und mehr als ein Automatismus angezüchtet wird, als Selbstzwang, dessen er sich nicht erwehren kann, selbst wenn er es in seinem Bewusstsein will.“ — Bd. 2, S. 317

Es geht also keineswegs nur um bewusste Regulierung. Neben der bewussten Selbstkontrolle verfestigt sich im Einzelnen zugleich eine „automatisch und blind arbeitende Selbstkontrollapparatur, die durch einen Zaun von schweren Ängsten Verstöße gegen das gesellschaftsübliche Verhalten zu verhindern sucht“. Gerade weil sie gewohnheitsmäßig und blind funktioniert, kann sie auf Umwegen selbst solche Verstöße herbeiführen — ein Hinweis, mit dem Elias an die Psychoanalyse anknüpft, ohne sie zu übernehmen. Bewusst oder unbewusst aber ist die Richtung dieser Veränderung dieselbe; sie wird bestimmt durch die Richtung der gesellschaftlichen Differenzierung, durch die fortschreitende Funktionsteilung und die „Ausweitung der Interdependenzketten, in die, mittelbar oder unmittelbar, jede Regung, jede Äußerung des Einzelnen unausweichlich eingegliedert ist“ (Bd. 2, S. 317).

Um diesen Unterschied anschaulich zu machen, greift Elias zu einem berühmten Bild: dem Verkehr auf den Wegen und Straßen hier und dort. Man denke an die holprigen, ungepflasterten Landstraßen einer einfachen, naturalwirtschaftenden Krieger-Gesellschaft. Der Verkehr ist gering; die Hauptgefahr, die der Mensch für den Menschen darstellt, ist der kriegerische oder räuberische Überfall. Wer hier um sich blickt, tut es vor allem, weil er gewärtig sein muss, mit der Waffe in der Hand angegriffen zu werden — und erst in zweiter Linie, um jemandem auszuweichen. Das Leben verlangt eine ständige Bereitschaft zu kämpfen.

„Aber diese äußere Regulierung ist von Grund auf darauf abgestimmt, dass jeder Einzelne sein Verhalten entsprechend den Notwendigkeiten dieser Verflechtung aufs genaueste selbst reguliert. Die Hauptgefahr, die hier der Mensch für den Menschen bedeutet, entsteht dadurch, dass irgend jemand inmitten dieses Getriebes seine Selbstkontrolle verliert.“ — Bd. 2, S. 318–319

Auf den Hauptstraßen einer großen Stadt der differenzierteren Gegenwart ist die Gefahr des Überfalls auf ein Minimum beschränkt. Automobile fahren in Eile hin und her, Fußgänger winden sich durch das Gewühl der Wagen, Schutzleute regulieren an den Kreuzungen. Diese äußere Regulierung aber wirkt nur, weil ihr die innere entspricht: Eine beständige Selbstüberwachung, eine höchst differenzierte Selbstregelung ist nötig, damit der Einzelne sich durch das Gewühl hindurchsteuert. Es genügt, dass die Anspannung dieser steten Selbstregulierung für einen Einzelnen zu groß wird, um ihn und andere in Todesgefahr zu bringen. Das Bild ist, wie Elias betont, nur ein Bild — das wirkliche Geflecht ist weit komplizierter und die Selbstkontrolle weit tiefer verankert —, aber es macht greifbar, wie die Differenziertheit der Selbstzwänge mit der Differenziertheit der gesellschaftlichen Funktionen zusammenhängt.

Kurze Kette — Nahsicht Affekt folgt dem Augenblick Lange Kette — Langsicht Wirkung der Handlung über viele Kettenglieder → Zwang zur Vorausberechnung
Je länger die Handlungs- und Interdependenzketten, desto weiter muss der Einzelne die Wirkung seines Tuns vorausbedenken — aus der Verlängerung der Ketten folgt der Zwang zur Langsicht.
Die Beständigkeit und Differenziertheit der Selbstzwänge, die den „zivilisierten“ Menschen prägt, hängt unmittelbar mit der Mannigfaltigkeit der Handlungen zusammen, die in einer arbeitsteiligen Gesellschaft beständig aufeinander abgestimmt werden müssen.

3. Befriedete Räume und stabile Selbstkontrolle

Die Differenzierung der Funktionen ist nur die erste der großen Transformationen. Mit ihr geht eine totale Umorganisierung des gesellschaftlichen Gewebes Hand in Hand — und zwar gerade jene, die der zweite Band ausführlich beschrieben hat: die Herausbildung stabiler Zentralorgane und fester Monopolinstitute der körperlichen Gewalt. Beide Hälften des Werkes greifen hier ineinander. Die eigentümliche Stabilität der psychischen Selbstzwang-Apparatur, schreibt Elias, „steht mit der Ausbildung von Monopolinstituten der körperlichen Gewalttat und mit der wachsenden Stabilität der gesellschaftlichen Zentralorgane in engstem Zusammenhang“ (Bd. 2, S. 320). Erst mit stabilen Monopolinstituten stellt sich jene gesellschaftliche „Prägeapparatur“ her, die den Einzelnen von klein auf an ein beständiges, genau geregeltes An-sich-Halten gewöhnt.

„Wenn sich ein Gewaltmonopol bildet, entstehen befriedete Räume, gesellschaftliche Felder, die von Gewalttaten normalerweise frei sind. Die Zwänge, die innerhalb ihrer auf den einzelnen Menschen wirken, sind von anderer Art, als zuvor.“ — Bd. 2, S. 320

In diesen befriedeten Räumen tritt die körperliche Gewalt von der offenen Bühne des Alltags zurück; sie arbeitet nur noch in vermittelter Form an der „Züchtung der Gewohnheiten“ mit. Was zurückbleibt, ist ein Gemisch anderer Zwänge — am sichtbarsten die wirtschaftlichen. Allgemein gilt: Gesellschaften ohne stabiles Gewaltmonopol sind immer zugleich Gesellschaften mit geringer Funktionsteilung und kurzen Handlungsketten. Umgekehrt sind Gesellschaften mit stabilen Gewaltmonopolen — verkörpert zunächst durch einen großen Fürsten- oder Königshof — solche mit weit gediehener Funktionsteilung und langen Handlungsketten. Hier ist der Einzelne vor dem plötzlichen Überfall geschützt, aber er ist zugleich gezwungen, den eigenen Leidenschaftsausbruch zurückzudrängen.

„Je dichter das Interdependenzgeflecht wird, in das der Einzelne mit der fortschreitenden Funktionsteilung versponnen ist, ... desto mehr ist der Einzelne in seiner sozialen Existenz bedroht, der spontanen Wallungen und Leidenschaften nachgibt; desto mehr ist derjenige gesellschaftlich im Vorteil, der seine Affekte zu dämpfen vermag, und desto stärker wird jeder Einzelne auch von klein auf dazu gedrängt, die Wirkung seiner Handlungen ... über eine ganze Reihe von Kettengliedern hinweg zu bedenken.“ — Bd. 2, S. 321–322

Dämpfung der spontanen Wallungen, Zurückhaltung der Affekte, Weitung des Gedankenraums über den Augenblick hinaus — das sind, sagt Elias, „verschiedene Aspekte der gleichen Verhaltensänderung“. Die Verwandlung des Adels aus einer Schicht von Rittern in eine Schicht von Höflingen ist dafür das große historische Beispiel; ihm wird die folgende Kapitelseite (XIII) eigens nachgehen. Dem Leben zwischen Extremen entspricht dabei stets ein Affekthaushalt, der häufig und unvermittelt zwischen Lust und Unlust hin- und hergeworfen wird; die Seele ist, „wenn man sich einmal so ausdrücken darf, unvergleichlich viel mehr bereit und gewohnt, mit immer der gleichen Intensität von einem Extrem ins andere zu springen“ (Bd. 2, S. 324). Erst die kasernierte Gewalt schafft jene neue Form von Sicherheit, von der ein „beständiger, gleichmäßiger Druck“ ausgeht, den der Einzelne oft kaum noch spürt.

An dieser Stelle knüpft Elias ausdrücklich an die Begriffe der Psychoanalyse an, ohne sie kritiklos zu übernehmen. Eine psychische Apparatur der Selbstkontrolle — „das Über-Ich, das Gewissen oder, wie immer wir es nennen“ — gibt es auch in der mittelalterlichen Kriegergesellschaft. Doch dort ist sie diffus, unstabil und „voll von Durchlässen für heftige, affektive Entladungen“; die Ängste, die das „richtige“ Verhalten sichern, haben noch stärker die Gestalt einer Angst vor äußeren Mächten. Was sich mit dem Gewaltmonopol herstellt, ist demgegenüber „ein anderer Typus von Selbstbeherrschung ... eine leidenschaftslosere Selbstbeherrschung“ (Bd. 2, S. 327). Der Kontroll- und Überwachungsapparatur in der Gesellschaft entspricht eine Kontrollapparatur im Seelenhaushalt des Individuums — und beide, „die eine zum guten Teil durch Vermittlung der anderen“, üben einen steten, gleichmäßigen Druck zur Dämpfung der Affekte aus.

Affekthaushalt im Wandel: Kriegergesellschaft und befriedeter Raum
 Mittelalterliche KriegergesellschaftBefriedete Räume der Gegenwart
Hauptgefahrkörperlicher Überfall von außenVersagen der eigenen Selbstkontrolle
AffektverlaufSprünge zwischen Extremen, große Kontrastemittlere Linie, gedämpfte Schwankungen
Selbstkontrollediffus, unstabil, partial, durchlässiggleichmäßig, stabil, allseitig, automatisch
Zwangunmittelbar, schockartig, körperlichvermittelt, voraussehbar, durch eigene Überlegung
Spannungvertikal: Lust ↔ Buße, Furcht ↔ Genusshorizontal: „Über-Ich“ ↔ Unbewusstes
„Der Kriegsschauplatz wird zugleich in gewissem Sinne nach innen verlegt.“ Ein Teil der Spannungen, die ehemals im Kampf zwischen Mensch und Mensch zum Austrag kamen, muss der Mensch nun in sich selbst bewältigen — im Ringen zwischen „Über-Ich“ und Triebzentrum (Bd. 2, S. 330).

4. Die Ausbreitung des Zwangs zur Langsicht

Der zweite Abschnitt des Entwurfs trägt die Überschrift „Ausbreitung des Zwangs zur Langsicht und des Selbstzwangs“. Was den abendländischen Zivilisationsprozess zu einer einzigartigen Erscheinung macht, ist die Tatsache, dass sich hier „eine Funktionsteilung so hohen Ausmaßes, Gewalt- und Steuermonopole von solcher Stabilität, Interdependenzen und Konkurrenzen über so weite Räume und so große Menschenmassen hin hergestellt haben, wie noch nie in der Erdgeschichte“ (Bd. 2, S. 336). Dem entspricht eine Notwendigkeit der Abstimmung des Verhaltens und eine Voraussicht über so weite Handlungsketten, wie nie zuvor — und entsprechend stark ist die Selbstbeherrschung, die das Leben in den Zentren dieses Netzes verlangt.

Ein anschauliches Symbol dieses Zusammenhangs ist für Elias das, was wir „das Tempo“ unserer Zeit nennen. Es ist nichts anderes als ein Ausdruck für die Menge der Verflechtungsketten, die sich in jeder einzelnen Funktion verknoten, und für den Konkurrenzdruck, der jede Handlung antreibt. Ob beim Beamten in der Fülle seiner Verabredungen oder beim Arbeiter in der genauen Abstimmung jedes Handgriffs auf eine bestimmte Minute — das Tempo verlangt eine genaue Einteilung der Lebenszeit und gewöhnt an eine Unterordnung der augenblicklichen Neigungen unter die Notwendigkeiten der Interdependenz.

„Immer drängt die Veränderung zu einer mehr oder weniger automatischen Selbstüberwachung, zur Unterordnung kurzfristiger Regungen unter das Gebot einer gewohnheitsmäßigen Langsicht, zur Ausbildung einer differenzierteren und festeren ‘Über-ich’-Apparatur.“ — Bd. 2, S. 338

Wie aber breitet sich dieser Zwang aus? Stets, sagt Elias, werden „zunächst kleinere Spitzenschichten, dann immer breitere Schichten der abendländischen Gesellschaft von ihr erfasst“. Zuerst sind es bestimmte Ober- und Mittelschichtfunktionen, die eine beständige, aktive Selbstdisziplinierung auf längere Sicht erzwingen: höfische Funktionen in den Herrschaftszentren und kaufmännische Funktionen in den Zentren der Fernhandelsverflechtung. Es macht einen beträchtlichen Unterschied, ob jemand nur als passives Objekt der Interdependenzen lebt, von fernen Ereignissen in Mitleidenschaft gezogen, ohne sie beeinflussen oder auch nur erkennen zu können — oder ob seine Funktion selbst eine dauernde Anspannung der Langsicht erfordert.

Zur Besonderheit des Abendlandes gehört, dass sich mit der Ausdehnung der Interdependenzen die Notwendigkeit der Langsicht über immer weitere Schichten hin ausbreitet — bis hinunter zu jenen, die ehemals schlechthin „untere“ Schichten waren. Denn der arbeitsteilige Apparat wird so empfindlich, dass Störungen an jeder Stelle der „fließenden Bänder“ das Ganze bedrohen; die Führenden sind im Druck ihrer eigenen Ausscheidungskämpfe zu immer größerer Rücksicht auf die breiten Massenschichten genötigt. Damit gewinnen deren Funktionen ein größeres Gewicht — und erfordern und ermöglichen zugleich eine größere Langsicht. So wirkt „auch auf sie mehr und mehr jene Art von Fremdzwängen, die sich im Individuum zu Selbstzwängen umformt“ (Bd. 2, S. 341). Auch das ganze Abendland tendiert dahin, eine Art von Oberschicht und Zentrum eines Verflechtungsnetzes zu werden, von dem aus sich Zivilisationsstrukturen über immer weitere Teile des Erdballs ausbreiten.

Wir stehen, mahnt Elias, „selbst noch mitten im Wellengang, mitten in den Krisen einer solchen Zivilisationsbewegung ... nicht an deren Ende“ (Bd. 2, S. 341). Erst diese Einsicht rückt das Problem der „Zivilisation“ ins rechte Licht.

5. Verringerung der Kontraste, Vergrößerung der Spielarten

Der dritte Abschnitt trägt die Formel, die wie kaum eine andere für das Spätwerk steht: „Verringerung der Kontraste, Vergrößerung der Spielarten“. Die Zivilisation vollzieht sich in einer langen Reihe von Auf- und Abstiegsbewegungen. Immer wieder nimmt eine aufsteigende untere Schicht die Funktion und Haltung einer Oberschicht gegenüber den nachdrängenden an — und immer folgt der aufgestiegenen Schicht eine noch breitere, noch menschenreichere auf den Fersen. Im Allgemeinen, sagt Elias, geben Unterschichten ihren Affekten unmittelbarer nach; ihr Verhalten ist weniger genau reguliert. Doch das hat einen handfesten Grund: Die Zwänge, die auf Unterschichten wirken, sind über große Teile der Geschichte Zwänge der unmittelbaren körperlichen Bedrohung — und solche Zwänge führen nicht zu einer stabilen Umformung der Fremdzwänge in Selbstzwänge.

„Ein mittelalterlicher Bauer, der auf Fleisch verzichtet, weil er zu arm ist, ... also lediglich unter physischem Zwang, wird seinem Verlangen nach Fleisch nachgeben, wenn immer er es ohne äußere Gefahr tun kann, zum Unterschied von dem Ordensstifter aus oberen Schichten, der sich im Gedanken an das Jenseits ... selbst den Genuss von Fleisch versagt.“ — Bd. 2, S. 342

Die Verwandlung der Fremdzwänge in Selbstzwänge — in eine zur selbstverständlichen Gewohnheit gewordene Triebregulierung — ist, so Elias, „möglich nur bei Menschen, die normalerweise vor der äußersten, körperlichen Bedrohung durch Schwert oder Hungertod geschützt sind“ (Bd. 2, S. 343). Eben darum gehört es zu den Eigentümlichkeiten der abendländischen Gesellschaft, dass sich der Kontrast zwischen dem Verhaltenscode der oberen und der unteren Schichten im Laufe der Entwicklung erheblich verringert. Es breiten sich „Unterschichtcharaktere“ über alle Schichten aus — dass die ganze Gesellschaft eine reguliert arbeitende geworden ist, ist ein Symptom dafür —, und ebenso breiten sich umgekehrt frühere Oberschichtmerkmale über die ganze Gesellschaft aus.

Doch diese Bewegung verläuft nicht geradlinig. Innerhalb der großen Bewegung gibt es immer wieder Wellen, in denen sich die Kontraste und Affektausbrüche von neuem vergrößern. Und der Doppelcharakter der Oberschichten ist dafür mitverantwortlich: Die strengere Affektregelung dient ihnen als Prestige gebendes „Unterscheidungsmerkmal“; gerade deshalb ahnden sie den Verstoß gegen das herkömmliche Schema, das „Sich-gehen-lassen“, um so strenger, je größer die gesellschaftliche Stärke der nachdrängenden unteren Gruppe wird. Die Furcht der ganzen Gruppe um ihre gehobene Position setzt sich im Einzelnen in individuelle Angst um.

„Und es ist diese als Selbstzwang angezüchtete Furcht vor der Verringerung des eigenen Ansehens in den Augen anderer, mag sie nun die Gestalt der Scham oder etwa die des Ehrgefühls annehmen, die die ständige, gewohnheitsmäßige Wiedererzeugung des unterscheidenden Verhaltens ... im einzelnen Menschen sichert.“ — Bd. 2, S. 346–347

So tragen die Oberschichten zugleich, ungewollt, zur Einebnung der Unterschiede bei. Indem die kolonisierenden Europäer andere Menschenräume in dasselbe Geflecht politischer und wirtschaftlicher Interdependenzen einbeziehen, breiten sie mit ihren Gesellschaftsformen auch ihre Verhaltensformen aus — und arbeiten, „zum guten Teil ohne es zu wollen“, an einer Richtung, die die Kontraste zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten verringert. Es entstehen, durch Durchdringung und Mischung, „neue Spielarten des zivilisierten Verhaltens“. Hier formuliert Elias seine berühmte Doppelformel.

„Die Kontraste des Verhaltens zwischen den jeweils oberen und den jeweils unteren Gruppen verringern sich mit der Ausbreitung der Zivilisation; die Spielarten oder Schattierungen des zivilisierten Verhaltens werden größer.“ — Bd. 2, S. 348

Nicht die „Technik“ ist dabei die Ursache der Verhaltensänderung; was wir Technik nennen, ist selbst nur „eines der Symbole, eine der letzten Verfestigungsformen jener beständigen Langsicht, zu der die Bildung immer längerer Handlungsketten ... hindrängt“ (Bd. 2, S. 345). Die gleiche Figur findet Elias in immer engeren Kreisen wieder: in der Einbeziehung der unteren städtischen und agrarischen Schichten in den zivilisierten Standard und, einen Schritt zurück, in der Durchdringung von Verhaltensweisen des Adels und des Bürgertums im 17., 18. und 19. Jahrhundert. Überall bildet sich am Ende ein „Amalgam, eine neue Einheit von einzigartigem Charakter“. Und überall begegnet jene zwiespältige Lage der Oberschicht: Der höfische Adel, der „Bannerträger der civilité“, hütet das Geheimnis des guten Benehmens — nur der Eingeweihte solle es kennen —, kann aber durch eben die Verflechtung, in der er lebt, nicht verhindern, dass sich seine Manieren, sein Geschmack und seine Sprache über andere Schichten ausbreiten.

Selbstzwang

Die verinnerlichte Fortsetzung des gesellschaftlichen Zwangs: eine teils bewusste, teils automatische Selbstkontrolle, die dem Einzelnen „von klein auf“ angezüchtet wird und ihn auch ohne äußere Bedrohung beherrscht.

Langsicht

Der Zwang, die Wirkung der eigenen und fremder Handlungen über viele Kettenglieder hinweg vorauszubedenken — Korrelat der länger werdenden Interdependenzketten.

Figuration / Verflechtungsordnung

Das Geflecht wechselseitiger Abhängigkeiten, aus dem eine Ordnung entsteht, die „zwingender und stärker ist, als Wille und Vernunft der einzelnen Menschen, die sie bilden“.

Über-Ich

Die im Individuum verfestigte „Gewohnheitsapparatur“, die die Affekte im Sinne des gesellschaftlichen Aufbaus regelt — eine „Relaisstation der gesellschaftlichen Standarde“.

Befriedete Räume

Aus dem Gewaltmonopol entstehende Felder, „die von Gewalttaten normalerweise frei sind“ — soziale Voraussetzung des stabilen Selbstzwangs.

Prägeapparatur

Die gesellschaftliche Einrichtung, die den Einzelnen von klein auf an ein „beständiges und genau geregeltes An-sich-Halten“ gewöhnt und so seinen Habitus formt.

Die Doppelformel des Spätwerks: Mit der Ausbreitung der Zivilisation verringern sich die Kontraste zwischen oben und unten — und genau dadurch vermehren sich die Spielarten, in denen zivilisiertes Verhalten gelebt wird.

6. Das soziogenetische und psychogenetische Grundgesetz

In diesen Abschnitten wird sichtbar, was die beiden Bände von Anfang an zusammengehalten hat: Soziogenese und Psychogenese sind keine zwei Themen, sondern zwei Seiten desselben Vorgangs. Der Wandel im Aufbau der menschlichen Beziehungen — Funktionsteilung, Monopolbildung, Verlängerung der Ketten — und der Wandel im Aufbau des psychischen Habitus — Dämpfung, Langsicht, Verinnerlichung — entsprechen einander Punkt für Punkt. Elias fasst diesen Zusammenhang an einer Schlüsselstelle in einem einzigen Satz, der wie ein Gesetz formuliert ist.

„Durch die Interdependenz größerer Menschengruppen voneinander und durch die Aussonderung der physischen Gewalttat innerhalb ihrer stellt sich eine Gesellschaftsapparatur her, in der sich dauernd die Zwänge der Menschen aufeinander in Selbstzwänge umsetzen; diese Selbstzwänge, Funktionen der beständigen Rück- und Voraussicht, ... haben teils die Gestalt einer bewussten Selbstbeherrschung, teils die Form automatisch funktionierender Gewohnheiten.“ — Bd. 2, S. 331

Wichtig ist Elias, dass diese Umformung kein bruchloser Fortschritt ist. Der nach innen verlegte „Kriegsschauplatz“ bringt eigene Spannungen hervor. Die vertikalen Schwankungen — die Umsprünge von Furcht zu Lust, vom Genuss zur Buße — werden geringer; dafür wächst der horizontale Sprung, „die Spannung zwischen ‘Über-Ich’ und ‘Unbewusstem’“ (Bd. 2, S. 331). Nicht immer findet dieses halb automatische Ringen des Menschen mit sich selbst eine glückliche Lösung. Aus der gleichen gesellschaftlichen Prägeapparatur gehen, „in einer breiten Streuungskurve“, günstiger und ungünstiger gelagerte menschliche Prägungen hervor; einzelne Triebzweige können „anästhesiert“, in Zwangshandlungen umgebogen oder in fruchtbare Begabungen verwandelt werden. Auch der individuelle Zivilisationsprozess vollzieht sich „wie der gesellschaftliche, bis heute zum größeren Teil blind“ (Bd. 2, S. 332).

Soziogenese Funktionsteilung ↑ Gewalt- & Steuermonopol befriedete Räume längere Interdependenzketten Konkurrenz- & Ausscheidungskämpfe Aufbau der Beziehungen Psychogenese Affektdämpfung Langsicht & Voraussicht stabile Selbstkontrolle Scham- & Peinlichkeitsschwellen „Über-Ich“ / Automatismus Aufbau des Habitus zwei Seiten desselben ungeplanten Prozesses
Das Grundgesetz der Theorie: Der Wandel im Aufbau der menschlichen Beziehungen (Soziogenese) und der Wandel im Aufbau des psychischen Habitus (Psychogenese) bedingen einander wechselseitig — gerichtet, aber von niemandem geplant.

Damit ist auch gesagt, warum Elias den Begriff „Fortschritt“ meidet. Der Prozess ist gerichtet, aber nicht teleologisch; er hat eine erkennbare Struktur, aber kein Subjekt. Die Zivilisation ist weder die Verwirklichung eines Plans noch die Entfaltung eines Geistes noch ein bloßes Naturgesetz, sondern die Eigengesetzlichkeit der Verflechtung — jene dritte Dimension der Wirklichkeit, die Elias gegen das „Entweder Geist oder Natur“ der überkommenen Denkgewohnheiten setzt. Und gerade weil der Prozess ungeplant ist, lässt er einen Ausblick zu: Das „blinde Spiel der Verflechtungsmechanismen“ gibt selbst allmählich einen größeren Spielraum für „planmäßige Eingriffe“ auf Grund der Kenntnis seiner ungeplanten Gesetzmäßigkeiten (Bd. 2, S. 316). Wer den Mechanismus durchschaut, kann, so die vorsichtige Hoffnung, „etwas Vernünftigeres“ daraus machen.

Drei Deutungen des geschichtlichen Wandels — und die Antwort von Elias
DeutungTheseEliasens Einwand
„rational“geplant aus der Überlegung einzelner Menschensetzt die Langsicht voraus, die erst Ergebnis ist
„Geist“ (Hegel)überindividueller Geist, „List der Idee“trifft das Ungeplante, mystifiziert aber die Ursache
„Natur“blinde Naturgesetzlichkeitverfehlt die spezifische soziale Eigengesetzlichkeit
FigurationEigengesetzlichkeit der Verflechtunggerichtet und geordnet, doch von niemandem beabsichtigt
Das Herzstück des ganzen Werkes in einem Satz: Aus der Interdependenz der Menschen ergibt sich eine Ordnung, die „zwingender und stärker ist, als Wille und Vernunft der einzelnen Menschen, die sie bilden“ (Bd. 2, S. 314). Auf dieser Verflechtungsordnung beruht der Prozess der Zivilisation.

Die folgende Seite (XIII) führt diesen Befund ins Konkrete zurück: Sie zeigt, wie sich die hier theoretisch entwickelte Verwandlung von Fremdzwang in Selbstzwang an der Verhöflichung des Adels, an der Triebdämpfung und an den wandernden Scham- und Peinlichkeitsschwellen Schritt für Schritt nachweisen lässt.