»Kultur« gegen »Zivilisation«: die deutsche Soziogenese eines Gegensatzes
Elias eröffnet sein Hauptwerk nicht mit einer Definition, sondern mit zwei Worten und der Frage, woher sie ihre Selbstverständlichkeit nehmen. Im französischen und englischen Sprachgebrauch sammelt das Wort »Zivilisation« den Stolz einer Nation auf den Fortschritt des Abendlandes; im deutschen Sprachgebrauch dagegen ist »Zivilisation« nur ein Wert zweiten Ranges, während sich der Stolz auf das eigene Wesen in dem Wort »Kultur« ausspricht. Diese eigentümliche Wertdifferenz ist Elias der erste Befund — und sein erstes Rätsel. Denn solche Worte, sagt er, sind keine zeitlosen Begriffe; sie tragen die Geschichte einer Gesellschaft mit sich, ohne dass deren Träger weiß, warum gerade diese Bedeutung an ihnen haftet. Die Aufgabe dieses ersten Teils ist es darum, die Soziogenese des Gegensatzes von »Kultur« und »Zivilisation« in Deutschland freizulegen: Welche gesellschaftliche Lage, welche Spannung zwischen welchen Schichten hat dieses Begriffspaar geformt und mit Wertung aufgeladen?
1. Zwei Worte, zwei Selbstbilder
Elias beginnt mit einer phänomenologischen Bestandsaufnahme. Der Begriff »Zivilisation«, so stellt er fest, lasse sich auf nahezu alles beziehen — auf den Stand der Technik, die Art der Manieren, die wissenschaftliche Erkenntnis, religiöse Ideen, die Form der Bestrafung, selbst die Zubereitung des Essens. Gerade diese Allzuständigkeit macht ihn schwer fassbar. Prüft man aber, welche Funktion der Begriff erfüllt, findet man laut Elias etwas sehr Einfaches: er bringt ein kollektives Selbstgefühl zum Ausdruck.
Der Begriff »Zivilisation« fasst, schreibt Elias, alles zusammen, "was die abendländische Gesellschaft der letzten zwei oder drei Jahrhunderte vor früheren oder vor »primitiveren« zeitgenössischen Gesellschaften voraus zu haben glaubt" — Bd. 1, S. 1. Doch dieses Selbstbewusstsein spreche nicht in allen abendländischen Nationen dieselbe Sprache. Zwischen dem englisch-französischen und dem deutschen Gebrauch des Wortes liege ein großer Unterschied:
Aus dieser ersten Beobachtung gewinnt Elias eine ganze Reihe feiner begrifflicher Scheidungen. Der westliche Zivilisationsbegriff bezieht sich ebenso auf das bloße "Behaviour" von Menschen wie auf ihre Leistungen; im deutschen Kulturbegriff dagegen ist die Beziehung auf Werte, "die ein Mensch ohne jede Leistung, durch sein bloßes Sein und Verhalten hat", stark zurückgetreten. Am reinsten zeige sich der spezifisch deutsche Sinn im Eigenschaftswort »kulturell«, das nicht Seins-Werte eines Menschen, sondern den Wert bestimmter menschlicher Produkte bezeichne — ein Wort, das, wie Elias bemerkt, ins Französische und Englische unmittelbar nicht übertragbar ist — Bd. 1, S. 3. Daneben stellt er das Wort »kultiviert«, das dem westlichen Zivilisationsbegriff ganz nahe stehe und gewissermaßen die höchste Form des »Zivilisiertseins« repräsentiere: kultiviert können auch Menschen sein, die »kulturell« nichts geleistet haben.
Ein zweiter Unterschied hängt damit eng zusammen, und er ist für Elias' ganze Theorie zentral: die Bewegungsrichtung der beiden Worte. »Zivilisation« bezeichne "einen Prozeß oder mindestens das Resultat eines Prozesses", etwas, das ständig in Bewegung ist und "vorwärts" geht. Der deutsche Kulturbegriff dagegen ziele auf Produkte, die da sind "wie Blüten auf den Feldern" — auf Kunstwerke, Bücher, religiöse oder philosophische Systeme, in denen die Eigenart eines Volkes zum Ausdruck kommt. Der eine Begriff lässt nationale Differenzen zurücktreten, der andere hebt sie hervor; der Kulturbegriff "grenzt ab" — Bd. 1, S. 4. Schon in dieser sprachlichen Geste — Ausbreitung versus Abgrenzung — liest Elias die geschichtliche Lage der jeweiligen Gesellschaft ab.
| Gesichtspunkt | »Zivilisation« (westlich) | »Kultur« (deutsch) |
|---|---|---|
| Wertrang | höchster nationaler Stolz | nur Wert »zweiten Ranges« |
| Bezug | Außenseite, Verhalten, »Behaviour« | Innerlichkeit, Geist, Leistung, Produkt |
| Bewegungsrichtung | Prozeß, »vorwärts«, Ausbreitung | Bestand, »Blüten auf den Feldern«, Abgrenzung |
| Verhältnis zur Nation | lässt Differenzen zurücktreten | hebt Gruppen-Unterschiede hervor |
| Geschichtliche Lage | gefestigte, expandierende Völker | spät geeinte, bedrängte Nation |
Die Bewegungsrichtung des Kulturbegriffs, sagt Elias, entspricht einem geschichtlichen Prozess. Die Frage "Was ist eigentlich französisch? Was ist eigentlich englisch?" sei im Selbstbewusstsein dieser Nationen seit langem kaum noch zur Diskussion gestellt; die Frage dagegen "Was ist eigentlich deutsch?" sei "seit Jahrhunderten nicht zur Ruhe gekommen" — Bd. 1, S. 5. Eine Antwort auf diese unruhige Frage — eine unter anderen — gibt in einer bestimmten Phase der Begriff der »Kultur«.
2. Der Entwicklungsgang des Gegensatzpaares
Warum lebte der Gegensatz von Kultur und Zivilisation gerade nach 1919 mit solcher Wucht wieder auf? Elias gibt eine nüchterne Antwort: weil im Namen der »Zivilisation« gegen Deutschland ein Krieg geführt worden war und das deutsche Selbstbewusstsein sich in der neuen Lage nach dem Friedensschluss neu zurechtfinden musste. Doch er warnt sogleich vor einem Kurzschluss: Aus dieser historischen Situation sei "gewissermaßen nur ein neuer Impuls in eine Antithese« eingeströmt, die schon seit dem 18. Jahrhundert durch diese beiden Begriffe ihren Ausdruck gefunden habe — Bd. 1, S. 7. Der Gegensatz ist älter als seine nationalistische Aufladung; man muss ihn an seinem Ursprung aufsuchen.
Diesen Ursprung verortet Elias bei Kant. Es scheine Kant gewesen zu sein, "der einer bestimmten Erfahrung und Antithese seiner Gesellschaft zuerst in verwandten Begriffen Ausdruck gab". In den Ideen zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht (1784) findet sich die Formel, die Elias als Geburtsstunde des Gegensatzes liest:
So vertraut diese Formulierung dem heutigen Ohr klingt — ihr konkreter Ausgangspunkt, betont Elias, sei ein ganz anderer als der von 1919. Die Sprecher des sich formierenden deutschen Bürgertums, "die mittelständische, deutsche Intelligenz", reden bei Kant noch "in weltbürgerlicher Absicht"; ihre Gegenüberstellung beziehe sich erst vage und bestenfalls in zweiter Linie auf einen nationalen Gegensatz. Im Vordergrund stehe vielmehr ein sozialer Gegensatz — der aber, so Elias' entscheidende Wendung, "den Keim des nationalen auf merkwürdige Weise in sich trägt" — Bd. 1, S. 8.
Dass die Polemik älter ist als ihre begriffliche Verfestigung, belegt Elias mit einem Fund von vor der Jahrhundertmitte: dem Artikel über "Hof, Höflichkeit, Hofmann" in Zedlers Universallexikon von 1736. Dort wird die Höflichkeit als reines Mittel des Vorteils entlarvt — man macht den anderen glauben, man sei jederzeit bereit, ihm zu dienen, "gleichwohl sind wir dazu nicht allezeit vermögend, wollen auch wohl nicht":
Hier sei, so Elias, "simpel, ohne philosophische Ausdeutung" dieselbe Antithese ausgesprochen, die bei Kant verfeinert in die Gegenüberstellung von »Cultur und Zivilisiertheit« einmündet: die trügende, äußerliche Höflichkeit gegen die wahre Tugend. Nach der Jahrhundertmitte werde die Tonart schärfer: die Selbstlegitimierung der Mittelschichten durch Tugend und Bildung wird "präziser und nachdrücklicher", die Polemik gegen das höfische Gebaren deutlicher — Bd. 1, S. 10.
3. Höfische Anschauung in Deutschland
Um die Lage der höfischen Oberschicht zu zeichnen, geht Elias von den materiellen Grundlagen aus — ein methodisches Kennzeichen seiner Soziogenese: Begriffe und Gefühle werden auf gesellschaftliche Verhältnisse zurückgeführt, nicht umgekehrt. Nach dem Dreißigjährigen Krieg ist Deutschland entvölkert und wirtschaftlich erschöpft; verglichen mit Frankreich und England ist es, und vor allem sein Bürgertum, arm. Was bleibt, sei "kleinstädtisches Bürgertum mit engem Horizont, das im wesentlichen von der Deckung der lokalen Bedürfnisse lebt" — Bd. 1, S. 11.
An den Höfen, wo das Geld vorhanden ist, ahmt man mit unzureichenden Mitteln den Hofhalt Ludwigs XIV. nach und spricht französisch. Das Deutsche, "die Sprache der unteren und mittleren Schichten", gilt als schwerfällig; selbst Leibniz, der einzige höfische Philosoph von Rang, schreibt französisch oder lateinisch, wenig deutsch. Französisch zu sprechen, fasst Elias zusammen, sei "Standesmerkmal aller gehobenen Schichten". Er belegt es mit einem fast komischen Beleg sprachlicher Selbstverleugnung:
Diese Geringschätzung kommt von außen wie von innen. Der französische Beobachter Mauvillon erklärt die deutsche Sprache 1740 schlicht für "roh und barbarisch" und fordert höhnisch, man möge ihm einen einzigen schöpferischen deutschen Dichter nennen. Vierzig Jahre später, 1780, schreibt Friedrich der Große in De la littérature allemande noch immer ähnliches: die deutsche Sprache sei "halbbarbarisch", zerfalle in unzählige Dialekte, die Literatur stehe tief. Bezeichnend bleibt, dass Friedrich die Gründe durchaus sieht — nicht Geist oder Genie der Nation seien schuld, sondern eine Kette ruinöser Kriege, die Verarmung Deutschlands, die unzureichende Entwicklung von Handel und Bürgertum — Bd. 1, S. 13.
Hier zieht Elias eine seiner schärfsten Pointen. Friedrichs Schrift erscheint 1780 — in einem Augenblick, in dem die deutsche Literatur längst aufgeblüht ist: Klopstocks »Messias« lag seit 1748 vor, Lessings »Laokoon« (1766), Goethes »Götz« und »Werther« waren erschienen. Von alledem erwähnt Friedrich nichts; das einzige Werk der jungen Generation, das er nennt, den »Götz«, verdammt er als "abscheuliche Nachahmung" schlechter englischer Stücke und ordnet ihn den Vergnügungen der "basses classes" zu. Friedrich, urteilt Elias, "sieht es nicht oder er mißt ihm keine Bedeutung bei" — Bd. 1, S. 14. Sein Geschmacksurteil ist nicht persönliche Marotte, sondern "Modell- und Standardmeinung der französisch sprechenden Oberschicht Europas".
Diese Diagnose ist mehr als historische Anekdote. Sie führt Elias zu einer strukturellen Einsicht: In Deutschland fallen einer kleinen, machtlosen, mittelständischen Intelligenzschicht Aufgaben zu, "die in Frankreich und England weitgehend vom Hof, von der aristokratischen Oberschicht übernommen wurden" — Bd. 1, S. 12. Gelehrte und bürgerliche »Fürstendiener« versuchen, in einer geistigen Sphäre Modelle für das zu schaffen, was deutsch ist, und so wenigstens dort eine Einheit herzustellen, die politisch noch unerreichbar scheint. Der Begriff der Kultur, schreibt Elias lakonisch, habe "die gleiche Funktion".
4. Mittelstand und höfischer Adel
Im Zentrum dieses Abschnitts steht die soziale Konstellation, aus der Elias den ganzen Gegensatz ableitet: zwei Schichten, die nebeneinander leben, ohne sich zu durchdringen. Auf der einen Seite die höfische Aristokratie, deren Selbstbewusstsein nicht auf Leistung, sondern auf der "Formung des distinguierten und distinguierenden Verhaltens" ruht; auf der anderen die bürgerliche Intelligenz, "deren ganze Legitimation zunächst in ihrer geistigen, ihrer wissenschaftlichen oder künstlerischen Leistung liegt" — Bd. 1, S. 9. Der Gegensatz von Kultur und Zivilisation ist die begriffliche Spitze dieser sozialen Spannung.
| Höfischer Adel | Mittelständische Intelligenz | |
|---|---|---|
| Sprache | französisch (Standesmerkmal) | deutsch (Schrift- und Bildungssprache) |
| Selbstwert durch | Verhalten, gute Form, Etikette | Leistung in Geist, Kunst, Wissenschaft |
| Politische Lage | bestimmt die Politik | von politischer Tätigkeit abgedrängt |
| Sozialer Ort | geschlossene »Society«, Hof | verstreut; Zentrum: die Universität |
| Leitparolen | »Zivilisiertheit«, gute Manieren | »Bildung«, »Kultur«, Tugend |
Diese Intelligenz, betont Elias, sei keine politische Bewegung. Bis 1789 finde man in Deutschland "mit ganz vereinzelten Ausnahmen keine Idee einer konkreten, politischen Aktion". Wohl aber finde man bei Philosophen wie Kant allgemeine Grundsätze im Widerspruch zu den herrschenden Verhältnissen und bei der jungen Generation "Äußerungen eines wilden Hasses gegen Fürsten, Höfe, Aristokraten, gegen Französlinge, höfische Unmoral und Verstandeskälte" — Bd. 1, S. 20. Das Schreiben werde "zur wichtigsten Entladung", weil der kleinstaatlich-absolutistische Aufbau der Gesellschaft keine andere Handhabe bot.
Goethes »Werther« liefert Elias das präziseste Dokument dieser Doppelstellung. Die berühmte Dem-ütigungsszene, in der ein Bürgerlicher aus der adeligen Gesellschaft hinausgebeten wird, kommentiert Werther mit einer Bemerkung, die Elias als Schlüssel zum "mittelständischen Bewußtsein" liest:
"Nichts ist charakteristischer", kommentiert Elias, "als diese Äußerung: Die Tore nach unten sollen verschlossen bleiben. Die Tore nach oben sollen sich öffnen." Jede mittelständische Schicht sei auf diese Weise "gefangen": Sie könne nicht daran denken, die Mauern nach oben einzureißen, aus Angst, die Mauer, die sie selbst vom unteren Volk trennt, würde mitfallen — Bd. 1, S. 23. Diese ambivalente Position — nach oben sehnsuchtsvoll, nach unten abgeschlossen — ist für Elias der affektive Kern der ganzen »Kultur«-Stimmung.
Die Träger dieser Bewegung sind, wie Elias an Stammbäumen zeigt, durchweg Aufsteiger: Goethes Urgroßvater war Hufschmied, Schillers Vorfahren waren Bäcker; aus Handwerk und mittlerem Beamtentum stammen Herder, Kant, Fichte, Winckelmann und viele andere — Bd. 1, S. 23. Entscheidend aber ist der Vergleich mit Frankreich. Dort sei eine analoge Bewegung — Voltaire, Diderot — "ohne große Schwierigkeiten von der weiten, höfischen Gesellschaft … rezipiert und assimiliert" worden. In Deutschland dagegen blieben die begabten Söhne des Mittelstands "in ihrer großen Mehrzahl von dem höfisch-aristokratischen Leben abgesperrt" — Bd. 1, S. 23. Hier liegt für Elias die eigentliche Weiche: Die Mauern zwischen den Schichten waren in Deutschland ungewöhnlich hoch, der Adel verschloss sich durch Ahnenprobe und Mesalliancen-Verbot, und der "Geldweg", auf dem sich im Westen der Aufstieg vollzog, blieb versperrt.
Aus dieser geringen Verschmelzung folgt die Pointe des ganzen Abschnitts: Weil die höfisch-aristokratischen Modelle und die bürgerlichen Leistungswerte sich nicht mischten, empfing "ein Hauptstrom der deutschen Sprache, die deutsche Gebildeten-Sprache", sein Gepräge von einer Intelligenzschicht, die "reiner und weit spezifischer mittelständisch war" als ihre französische oder englische Entsprechung — Bd. 1, S. 24. Dieselbe Geste des Abschließens, die den deutschen Kulturbegriff vom westlichen Zivilisationsbegriff trennt, findet Elias also schon in der inneren Schichtung Deutschlands wieder — ein erstes Beispiel für das Ineinandergreifen von Soziogenese und Psychogenese, das sein Werk insgesamt trägt.
5. Die deutsche Intelligenz gegen die höfischen Menschen
In diesem Abschnitt geht Elias von der Struktur zur Stimme über: Wie sah und beschrieb der Mittelstand selbst die höfische Welt? Die erfolgreichen Bücher der zweiten Jahrhunderthälfte zeigen, sagt er, "wie stark diese Verschiedenheit empfunden wurde" und dass den sozialen Unterschieden auch Unterschiede "im Aufbau des Verhaltens, des Gefühlslebens, der Wünsche und der Moral" entsprachen — Bd. 1, S. 26. Sein Hauptbeispiel ist Sophie de la Roches »Das Fräulein von Sternheim«, das weibliche Pendant zum »Werther«: ein edles Mädchen, von einem aristokratischen Höfling betrogen, das seine ständische Unterlegenheit durch moralische Überlegenheit kompensiert — und stirbt.
Aus diesem Roman zitiert Elias die Klage der Heldin über das Hofleben, in der die ganze bürgerliche Polemik gegen die Äußerlichkeit verdichtet ist:
Der "Pfarrer und der Professor", bemerkt Elias an dieser Stelle, seien zwei der wichtigsten Repräsentanten dieser mittelständischen Beamtenintelligenz — und beide weisen auf den entscheidenden Ort hin: die Universität. Von ihr aus trugen immer neue Generationen von Studierten als Lehrer, Pfarrer und Beamte "eine bestimmt geprägte Ideenwelt" ins Land. Die deutsche Universität, formuliert Elias prägnant, sei "gewissermaßen das mittelständische Gegenzentrum des Hofes" gewesen — Bd. 1, S. 29. Sie ist der institutionelle Ort, an dem die Kultur-Parole reproduziert wird.
Begriffskarten zu Abschnitt 5
- Mittelständische Intelligenz
- Schmale, übers Land verstreute Schicht aus Beamten, Pfarrern, Lehrern und »Fürstendienern« — ohne breites bürgerliches Hinterland. Legitimiert sich durch geistige Leistung, nicht durch Geburt oder Besitz.
- Gegenzentrum Universität
- Soziales Ausstrahlungszentrum der Mittelstandskultur, das dem Hof als kulturellem Zentrum gegenübersteht und Bildung als Wert verbreitet.
- »Das rein Geistige«
- Sphäre jenseits von Wirtschaft und Politik — Buch, Wissenschaft, Religion, Kunst, Bildung der Persönlichkeit —, in der diese Schicht ihren Stolz begründet.
- Affektmodellierung
- Die schicht- und nationsspezifische Form, in der das Affektleben des Einzelnen »modelliert« wird: höfische Mäßigung gegen mittelständisches Freigeben der Gefühle.
Warum aber richtet sich der Angriff der Intelligenz fast nie gegen die politischen Vorrechte des Adels, sondern "vorwiegend gegen deren menschliches Verhalten"? Elias' Antwort ist konsequent soziologisch: Weil die berufsbürgerlichen Schichten noch zu schwach entwickelt waren, spiele sich der Kampf "so gut wie vollständig jenseits der politischen Sphäre ab"; der Angriff kondensiere sich in allgemein-menschlichen Vorwürfen wie »Oberflächlichkeit«, »äußere Höflichkeit«, »Unaufrichtigkeit« — und nur selten in einem spezifischen Gegenbegriff, deren einer eben "Zivilisiertheit im Sinne Kants" sei — Bd. 1, S. 35–36.
Goethes späte Gespräche mit Eckermann dienen Elias als Beleg für die strukturelle Einsamkeit dieser Schicht. "Wir führen doch im Grunde ein isoliertes, armseliges Leben!", lässt er Goethe sagen; die Talente seien "über ganz Deutschland ausgesäet", getrennt durch fünfzig bis hundert Meilen, während in Paris "die vorzüglichsten Köpfe eines ganzen Reiches auf einem einzigen Fleck beisammen sind" — Goethe zu Eckermann, zit. n. Bd. 1, S. 33. Hier, schließt Elias, werde sichtbar, was "eine mittelständische Intelligenzschicht ohne Hinterland" bedeutet: weder die kleine höfische Schicht darüber noch die breiten Schichten darunter bringen ihren Bemühungen viel Verständnis entgegen. Kultur und Bildung sind die Parolen einer "schmalen Schicht in der Mitte".
6. Vom sozialen zum nationalen Gegensatz
Der letzte Abschnitt zieht die Linien zusammen und vollzieht die titelgebende Wendung. So unterschiedlich die Begriffe auch ausfallen, eines werde überall deutlich: Die Gegenüberstellung menschlicher Charaktere, "die später vorwiegend dem Ausdruck eines nationalen Gegensatzes dienen, erscheint hier noch in erster Linie als Ausdruck eines sozialen Gegensatzes" — Bd. 1, S. 37. Die maßgebende Erfahrung hinter Begriffspaaren wie »Tiefe« und »Oberflächlichkeit«, »Aufrichtigkeit« und »Falschheit« sei die Spannung zwischen mittelständischer Intelligenz und höfischer Aristokratie.
Den Kipppunkt datiert Elias auf die Zeit nach der Französischen Revolution. Erst dann trete in dem Begriff »Zivilisation« der Gedanke an die deutsche höfische Aristokratie zurück und der Gedanke an Frankreich, an die westlichen Mächte überhaupt, in den Vordergrund. Sein Beleg ist ein Kommentar des Hamburger Domherrn Meyer von 1797, in dem »zivilisiert« und »Zivilisation« sich, wie Elias sagt, "schon ganz eindeutig mit dem Bild des Franzosen verbunden" haben — Bd. 1, S. 37. Damit ist die entscheidende Transformation benannt:
Parallel dazu verläuft, was Elias den "Entwicklungsgang dessen, was als spezifisch deutsch gilt" nennt: Vieles, was ursprünglich "mittelständischer Sozialcharakter" war — durch die soziale Lage in die Menschen eingeprägt —, werde nun "zum Nationalcharakter". Aufrichtigkeit und Offenheit etwa stehen jetzt als deutsche Eigenschaften der verdeckenden Höflichkeit gegenüber; ursprünglich aber waren sie der Zug des mittelständischen Menschen gegenüber dem Hofmann — Bd. 1, S. 38. Hier fällt zum ersten Mal das Begriffspaar, das die methodische Achse des ganzen Werkes bildet:
Dass dieser Vorgang kein deutsches Sonderwissen Goethes ist, sondern eine allgemeine Gesetzmäßigkeit, belegt Elias mit dem Vorausblick auf Nietzsche, für den die »Offenheit« und »Biederkeit« längst "typisch nationale Haltung der Deutschen" ist — nun freilich mit Spott betrachtet: "Der Deutsche läßt sich gehen, blickt dazu mit treuen blauen leeren deutschen Augen" — Nietzsche, zit. n. Bd. 1, S. 41. Und Fontanes Vergleich von England und Deutschland — "wie Form und Inhalt, wie Schein und Sein" — zeigt dasselbe Schema auf eine andere Nation projiziert: "Der Deutsche lebt um zu leben, der Engländer lebt, um zu repräsentieren" — Fontane, zit. n. Bd. 1, S. 41–42. In allen drei Fällen, von Goethe über Nietzsche zu Fontane, sieht Elias dieselbe Antithese am Werk, nur auf wechselnde Gegner bezogen.
Der Schluss des ersten Teils ist darum zugleich ein methodisches Programm. Die deutsche Antithese »Zivilisation und Kultur«, so Elias' letzter Satz dieses Kapitels, "steht nicht für sich; sie gehört in einen größeren Zusammenhang". Sie ist ein Ausdruck des deutschen Selbstbewusstseins und weist zurück auf Unterschiede "des Gepräges, des gesamten Verhaltens zunächst vorwiegend … zwischen bestimmten deutschen Schichten, dann zwischen der deutschen Nation und anderen Nationen" — Bd. 1, S. 42. Damit ist der Bogen geschlagen: Ein einzelnes Begriffspaar wird zum Schlüssel für die ganze Frage, die das Werk forttreibt — wie Verhalten und Affekte sich im Wechselspiel von Gesellschaftsstruktur und Persönlichkeitsstruktur historisch wandeln.